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Reading Rämistrasse #171: Michel Kessler zu Friederike Mayröcker im Museum Strauhof

Hirnschädeltraum/a

Bleistift Tusche Synapse : 1 Wanderpoet, FM, im grossen Bogen durchs Jahrhundert, exzentrisch, high, Kieferknochen ums Gehirn gespannt – Doppelbelichtung, Mond und Lampe, das Riesengebiss mit Backenzähnen aus Plastik + metallener Rachen, lauernd, speichernd-speichelnd : Wellenbewegung der Tasten = Wortgeburten in Dunkelheit. Die Schreibmaschine, Seismograph tektonischer Risse im Schädel, Messgerät des Unbewussten? Funken zwischen Achsen (des Denkens...) und Axon – die Syntax der Blitze (SJP), also langsame Blitze, flackernd in Slo-Mo, Stromstösse = Herzrasen der Sprache. Stromausfall dann. Wiederanschluss. Feedbackloop. Kurzschluss.

Montiertes Material : Splitter von Welt getaucht in Traumrest (Traumata). Vormittagslicht über dem Nachtkasten mit Stift und Zettel. Gerät zum Einfangen von Zukunft (bzw. Erinnerung). Nachtgesichter, Nachtgeister, warme Tiere auf dem Zungenband. z.B. Schutzgeist 3 gegen morgendliche Müdigkeit; 5 gegen Hunger, Durst und Zigarettenmangel; 12 gegen Sonnenbrand, Augenbrennen, Schlaflosigkeit; 14 gegen böse Träume – Walter B.s Engel der Geschichte, ANGELUS NOVUS, der rückwärts fliegt, Flügel im Sturm gefaltet, vom Algorithmen-Wind getrieben ins Chaos, Schutt und Trümmer häufend vor sich und FM also, notierend, mitten im Geröll, a heap of language, Wortarchäologie, nah am Ursprung, primordial.

Friederike Mayröcker, «was wir brauchen», Typoskript mit Korrekturen, April–Juni 1995

Foto: ÖNB, 2024

… Das Arbeitszimmer aber, elektrisches Feld, neuronales Nest, Nachtgeflüster zwischen Wäschekörben, grün, überquellend, beladen mit Satzfetzen, mit Restlicht, mit unverdauten Zungen. Mit Sedimenten gefülltes Geschwulst, Plastiktüten darin (Aldi), Fossilien alter Rechnungen, Stoffbahnen als geronnene Nervenstränge. Jeder Korb = 1 Speicher, 1 Nervenzelle, 1 Zwischenstation im Stromkreis von Tag zu Tag, von Traum zu Satz. Und der orange Bauhelm: – verirrtes Synapse-Signal im Raum.

Vorhänge kariert : Licht wie Honigschleier überm Trümmerfeld. Schiefertafel an der Tür – «Hier alles TABU» (taub?) – Bannschrift, Bannkreis, Abwehrzauber gegen den Alltag, la vie quotidienne. Dahinter Papiergewitter, Klemmen-Narben, vergilbte Kanten, Schwarzweissgesichter auf Plakaten. Regale bis zur Decke : Bücher im Schräglauf, verkantet, gekippt – Klammern, flatternder Ballast (Basalt?).

FM zerschneidet und montiert : das Reale for real. Splitter von Welt wie Knödel. Als Neuverschaltung von Partikel im Kopf. Kurvenfragment einer exzentrischen Bahn : IOVI et SATURNI orbes, Funkenflug zwischen Planeten, zitternder Zirkel, Kreise über Kreise, mit dem Tinitus im Ohr, Tangente springt, liminal. DELIRIUM 4ever. Yes.

L.A. : MMXXV

Friederike Mayröcker mit Selbstporträt

Foto: Unbekannt, ohne Datum

Friederike Mayröcker (1924–2021) gilt als eine der bedeutendsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Werk zeichnet sich durch poetische Radikalität, Vielstimmigkeit und eine enge Verbindung von Leben und Schreiben aus. Die Zürcher Ausstellung ich denke in langsamen Blitzen im Strauhof (in Kooperation mit der Österreichischen Nationalbibliothek) macht diesen Nachlass erstmals sichtbar: Manuskripte, Briefe, Fotografien und Objekte aus ihrer legendären Wiener Schreibwohnung zeigen, wie sehr Poesie für sie Lebensform war.

Friederike Mayröcker – ich denke in langsamen Blitzen, Museum Strauhof, Augustinergasse 9, 10. Juli–7. September 2025.

Reading Rämistrasse

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