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Reading Rämistrasse #167: Valentina Bischof zu Lesha Berezovskiy im Never Stop Reading

«Der Lärm von Explosionen weckt mich um 5.30 Uhr. Auf dem Handy sehe ich eine Nachricht von einem Freund: ‚Geht es dir gut? Ich nehme an, du bist bald wach, rufe dich noch nicht gleich an.’ Ich gehe in die Küche und lese die News, ein beklemmendes Gefühl erfasst mich, ein Stein legt sich auf meine Brust. Es ist so weit. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie Menschen Gebäude verlassen, in ihre Autos steigen. Noch mal ein Blick auf die News – überall in der Ukraine explodieren Bomben.» (Republik, 26.02.2022)

Der Fotograf Lesha Berezovskiy (*1991) wird in der Nacht vom 24. Februar 2022 in Kyjiw aus der Stille gerissen. Seither ist nichts mehr, wie es war. Seiner Frau Agata Danilova lässt er angesichts der Ungewissheit noch einen Moment der Ruhe und fotografiert sie im Schlaf, bevor er sie weckt. Es ist das erste Foto einer Serie, die den russischen Angriffskrieg in der Ukraine aus einer sehr persönlichen Perspektive dokumentiert. Während andere vor der Bedrohung fliehen, beschliesst Lesha Berezovskiy in Kyjiw zu bleiben. Von nun an berichtet er regelmässig vom «Leben in Trümmern», wie seine tagebuchartige Fotokolumne im digitalen Magazin Republik heisst. Zwei Flugstunden von der Ukraine entfernt und doch in einer Realität, die unterschiedlicher nicht sein kann, finden seine Berichte auf diesem Weg in die Schweiz.

Lesha Berezovskiy, Winter garden, Kyiv, 21 November 2024

Eine Auswahl von neunzehn Fotografien ist derzeit in der Buchhandlung Never Stop Reading in Zürich zu sehen. Der Ausstellungstitel Still ist bei einem Spaziergang entstanden und spielt auf «Still Life», also Stillleben, an. Mit seiner Kamera und einem feinen Gespür für die stillen Momente hält Lesha Berezovskiy die Spuren des Alltags im Krieg fest. Seine Fotografien erzählen vom Leben, das sich in den Innenräumen abspielt, von hausgemachten Keksen, von Topfpflanzen, die im Frühjahr wieder zu spriessen beginnen, von Schattenspielen des Tageslichts, das über die Wand streift – alles irgendwie in Bewegung und doch gefangen in Stillstand. Immer in Gefahr, jederzeit von einer Explosion zerstört zu werden. Der Ausstellungstitel Still hat in englischer Sprache zudem noch eine andere Bedeutung. Lesha Berezovskiy schreibt dazu am 03.05.2025 in der Republik: «We are still here. Haben ein Leben, auch im Krieg.» Heute, nach drei Jahren und knapp drei Monaten, hält die Ukraine dem russischen Angriffskrieg immer noch stand. Wie viel Kraft es tatsächlich braucht und was es bedeutet, bei dieser ständigen Bedrohung und einer Weltpolitik, die anderswo entschieden wird, nicht in Schockstarre zu verfallen und sich den Sinn für das Schöne zu bewahren, lässt sich aus der Aussenperspektive nur schwer erahnen. Umso dringender sind solche lebensnahen Einblicke, wie sie Lesha Berezovskiy in seinen Fotografien festhält und mit uns teilt. Ein wichtiger Teil seiner Arbeit sind neben den Stillleben auch Porträts von Menschen aus seinem Umfeld, die in der Ukraine geblieben sind. Menschen, die wie er überlebt haben, die sich organisieren, Freiwilligenarbeit und Widerstand leisten. Während die meisten der abgebildeten Personen nachdenklich in die Kamera blicken, bildet die Ausnahme das Porträt eines jungen Vaters mit seinem Neugeborenen auf der Schulter, die Augen vom blendenden Licht geschlossen, ein Lächeln im Gesicht. Momente des Innehalten und Durchatmen scheinen auch die seltenen Ausflüge mit Freund:innen ins Grüne zu sein, die jedoch jederzeit von Luftangriffen oder traurigen Nachrichten unterbrochen werden können. Dieses Wissen verändert die Bedeutung derjenigen Fotografien, die etwa eine blühende Blumenwiese oder ein gelb leuchtendes Rapsfeld unter einem rosa Himmel abbilden.

Lesha Berezovskiy, Breakdown, Kyiv, 13 December 2024

Die Ambivalenz dieser brüchigen Normalität zeigt sich zudem im vielfach fotografierten Motiv der Fensterscheiben. In ihnen spiegelt sich das Licht, Kondenswassertropfen perlen von der Oberfläche, Staub- und Fingerspuren zeichnen sich darauf ab, wie geheimnisvolle Botschaften aus einer Zwischenwelt. Die Fensterscheiben bieten einen fragilen Schutz nach aussen und sind zugleich eine durchlässige Trennwand nach innen. Es grenzt an ein kleines Wunder, wenn eine solche Glasscheibe bei der jahrelangen Zerstörung unversehrt geblieben ist. Lesha Berezovskiy schreibt: «Die Fenster unserer Häuser sind immer noch mit Kreuzen beklebt. Sie würden uns nicht vor einem Luftangriff schützen. Sie sind nur ein Symbol des Widerstandes.» (Kyjiw, April 2025)

Lesha Berezovskiy, Still – Eine Fotoausstellung in Kooperation des Magazins Republik und Never Stop Reading, 
8.–31. Mai 2025, Spiegelgasse 18, 8001 Zürich

Reading Rämistrasse

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