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Reading Rämistrasse #165: Frederike Maas zu Accumulations beim Migros Museum für Gegenwartskunst

Der Planet ist überfüllt – mit unserem Müll. Was unter dem Schlagwort «Anthropozän» thematisiert wird, ist eine menschengemachte Katastrophe, so gewaltig, dass sie den Planeten geologisch verändert, den wir unsere Heimat nennen.

Das Anhäufen materieller Güter, das Sammeln, Wachsen, Überfliessen – all das steht im Zentrum der Ausstellung Accumulations im Migros Museum für Gegenwartskunst. Sie widmet sich einem der drängendsten globalen Probleme unserer Zeit: dem Überkonsum und den damit verbundenen globalen Machtverhältnissen.

Was sollen wir bewahren, wovon müssen wir uns trennen inmitten dieses Überflusses an Dingen? «Does it spark joy?», würde Marie Kondo jetzt fragen. Gilt das auch für Kunstwerke? Kunst will (und soll) mehr, als bloss Freude bereiten. Sie soll irritieren, hinterfragen, forschen. Also: Schlechte Bilder einfach auf den Müll? Im ersten Geschoss der Ausstellung richtet die Kunst den Blick auf sich selbst. Werke von Rachel Harrison, Andy Warhol, Tabor Robak und Art & Language untersuchen auf sehr unterschiedliche Weise die Bild-Akkumulationen, mit denen wir in der (digitalen) Postmoderne leben: Was ist sammelwürdig? Was hat Wert? Und was kann – ganz ehrlich – weg?

Eine Etage höher wird es konkreter: In einer Vielzahl an Arbeiten werden globale Produktionsbedingungen unter die Lupe genommen. Maja Bajevics Arbeit Arts, Crafts and Facts, 2015, zeigt Arbeiter:innen in einer Textilfabrik bei ihrer täglichen Arbeit, was von Sequenzen begleitet wird in denen sie chorische Lieder über kapitalistische Wachstumsprinzipien singen. An der Wand hängen dazu auf Baumwollleinwände gestickte Grafen, die in informativer Weise beispielsweise Öl-, Kohl- und Gaspreise vergleichen. In ihrer medialen Wechselwirkung ist diese Arbeit verspielt, präzise und zugleich kritisch.

Ausstellungsansicht Accumulation - Über Ansammeln, Wachstum und Überfluss, Erste Sequenz, Migros Museum für Gegenwartkunst, 2025

Image: Studio Stucky

Textil als Speicher- und Erzählmedium ist auch in vielen anderen Arbeiten vertreten: Jumana Manna verwebt alte Baugerüstnetze auf grossformatigen Holzrahmen. Thomas Bayrle windet Karton mit Holzgittern zu Druckflächen für Siebdruckmotive. Cian Dayrit nutzt Stickerei als kartografisches und kritisches Werkzeug. Und eine grosse textile Installation von Reto Pulfer zieht sich durch den Raum von der Decke herabhängend, für die alte Stoffe gefärbt, zusammengenäht, bestickt wurden – Überreste werden zu einem neuen Gewebe recycelt.

Dass gerade Textil im Zentrum steht, ist kein Zufall – die Textilproduktion war eine treibende Kraft in der Entwicklung des Kapitalismus, weil sie zentrale technologische Innovationen hervorbrachte und die globale Produktionsketten etablierte, in denen sich koloniale Machtverhältnisse materialisierten. Zugleich dient das Flechten, als Tätigkeit oft von Frauen ausgeübt, heute in vielen feministischen Theorien als Metapher für nicht-lineare Erzähltechniken, die an Prozesshaftigkeit, Verflechtungen und Beziehungen interessiert sind.

Neben dem Fokus auf Textil laden mehrere Videoarbeiten zum Verweilen ein. Am Ende des oberen Raums trifft man auf den Kurzfilm The Currency – Sensing 1 Agbogbloshie, 2023. Der experimentelle Film widmet sich der ehemaligen E-Müll-Recyclingstation Agbogbloshie in Accra, Ghana – ein Ort, an dem kilometerweise europäischer Elektroschrott in Rauch aufgeht, während Arbeiter:innen neben Kuhherden inmitten toxischer Wolken nach verwertbaren Metallen suchen. Der Künstler Elom 20ce ist im Film selbst zu sehen. Er macht als akustischer Feldforscher elektromagnetische Wellen des Elektroschrotts hörbar – ein sinnlich-meditativer Zugang zu einem Ort, der die Kehrseite des «technologischen Fortschritts» brachial vor Augen führt. Ergänzt wird der Kurzfilm durch ein weiteres Video und in Vitrinen ausgestellte Aluminiumringe, die in Accra aus recycelten Materialien gefertigt werden. Diese Ästhetisierung von scheinbaren Abfällen birgt erneut ein poetisches Moment aus dem globalen Kreislauf der Rohstoffe.

Elom 20ce, Musquiqui Chihying, Gregor Kasper, The Currency - Sensing 1 Agbogbloshie, 2023

Copyright Xizhuang. Foto: Studio Stucky

Zwischen politischem Anspruch und formaler Vielfalt bleibt jedoch ein seltsames Vakuum. Die Ausstellung öffnet viele Fenster, aber ingesamt keinen klaren Blick auf das Phänomen, das sie beleuchten will. In ihrer Vielzahl an künstlerischen Positionen verliert sie sich eher in einer Breite als dass sie ein kohärentes Thema entfaltet. Zudem bemühen sich die Kurator:innen zwar spürbar, politische Fragestellungen ins Zentrum zu rücken, ohne dabei ins Moralisierende abzurutschen, doch in der Konsequenz fehlt eine schärfere, dunklere Dimension. Ist Kapitalismus nicht auch Schmerz und Wahnsinn?

Accumulations ist eine erste Sequenz – vielversprechend, relevant, aber auch brav. Sie zeigt künstlerische Positionen zu einem drängenden Thema und erhebt den Anspruch auch die Kunstwelt selbst kritisch zu reflektieren. Gerade dieser Blick ins eigene Milieu könnte nicht nur höfliche Ironie, sondern auch mehr Biss vertragen. Umso mehr darf man auf den zweiten Teil hoffen: Vielleicht traut er sich, wirklich ungemütlich zu werden.

Accumulation – Über Ansammeln, Wachstum und Überfluss. Erste Sequenz, Migros Museum für Gegenwartskunst, 8. Februar–25. Mai 2025

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