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Reading Rämistrasse #185: Tatjana Blaser zu Henrik Olesen in der Kunsthalle Zürich

[Kunsthalle Zürich disclaimer: Tatjana Blaser schreibt über eine Ausstellung der Kunsthalle Zürich]

Olesen malt nicht. Er bringt Objekte dazu, sich wie Malerei zu verhalten.

Begrüsst werden wir von 2 Krokodilen. Kurz erschrickt mein Kind, dann wird klar: Das sind Kopien. (Sind das Kopien? frage ich mich.) Die Ausstellung heisst: Copies of Real-Life Objects, Tools and Food, also müssen es Kopien sein. Wir gehen an den grün bemalten Gipstieren vorbei.

Ich denke an Ben Lerners Beschreibung der Blaschkas in Harvard. Darin gezeigt werden Glasblumen, die so verdammt echt ausschauen, dass man, abgesehen davon, dass man weiss, dass sie nicht echt sind, nicht sagen könnte, dass sie nicht echt sind.(1)

Henrik Olesen, Copies of real-life objects, tools and food, Kunsthalle Zürich, 2026

Image: Cedric Mussano

Hier in der Kunsthalle bei Olesen ist es anders, wir erkennen die Kopien sogleich. Er gibt es ja bereits im Titel zu. Aber vielleicht genau darum müssen wir umso aufmerksamer sein, wenn wir beispielsweise den geweisselten Laptop mit der Schiene zwischen Screen (pictura) und Tastatur (poesis) betrachten. Ist das wirklich eine Kopie? Oder ist es einfach ein Readymade? So wie ein Flaschentrockner ist ein Flaschentrockner – ein Readymade ist. Und was bedeutet das für den danebenstehenden transparenten Laptop, der doch unmöglich eine Kopie sein kann? So wie die Glasfassade eines Bürogebäudes ohne die Einsicht in die intransparenten Prozesse dahinter repräsentieren könnte, um was für ein Büro es sich denn handelt. (2)

Wir befinden uns im unteren Raum. Hier werden Objekte auf tischartigen Sockeln verschiedener Höhe, wie auch Tischen, präsentiert. Wir sehen Fische, Eier, Milchtüten, Zitronen, aber auch Pinsel, Laptops, Totenköpfe und Eier. Teilweise erinnert die Präsentation an einen Apple Store, teilweise an EasyPeasy-Büro-Atmosphäre.

Ich denke ziemlich bald: Das hier ist ein zeitgenössisches ethnografisches Museum der Malerei.

Wieso denke ich das?

Vielleicht weil ich kürzlich einen Artikel von Clara Richard Gostynski zur zeitgenössischen Ethnografie gelesen habe und es irgendwie einfach Sinn zu ergeben scheint. (3) Vielleicht auch, weil hier auf verschiedensten Ebenen deutlich auf Malerei verwiesen wird. Beispielsweise zeigt uns Olesen historische wie auch zeitgenössische Protagonist:innen des Stilllebens wie Totenkopf, Fisch, Tetrapack und Laptop.

Henrik Olesen, Copies of real-life objects, tools and food, Kunsthalle Zürich, 2026

Image: Cedric Mussano

Apropos Fisch. Was mir an der Ausstellung am direktesten ins Hirn spickt, ist der auf Jute aufgeklebte Fisch. Die Jute erinnert an einen Bildträger, ohne selbst ein Bild zu sein. Der Fisch bleibt Fisch, wird aber gleichzeitig Teil einer anderen Geschichte. Im Vergleich zum braunen Fisch daneben, der deutlicher auf biologische Prozesse verweist und schon beinahe stinkt, ist jener auf der Jute künstlicher, plakativer, unlebendiger – eher wie eine Idee als wie ein Fisch.

Der Fisch lässt mich an die Kategorie «Food» aus dem Titel denken, ebenso muss ich aufgrund der Jute an Handel, Transport und Lagerung denken. Die Jute bringt mich aber auch zur Malerei aufgrund des Bildträger-Charakters, ebenso wie der Fisch selbst, der sich über die Tradition des Stilllebens kaum anders denn als Motiv lesen lässt. Zumal da ja gleich daneben auch noch Pinsel liegen. Und dann kommt auch unweigerlich assoziativ die Information dazu, dass die Malerei ja auch vor allem aus ökonomischen Gründen (des einfacheren Transportes wegen) miterfunden und so populär wurde.

Gerade darin scheint mir die Arbeit besonders präzise. Der Fisch liegt auf etwas, das an Leinwand erinnert, ohne eine Leinwand zu sein. Er wirkt wie ein Motiv, das noch nicht ganz Bild geworden ist. Die Weisse erscheint dabei fast wie eine Grundierung. Während die anderen Fische bereits durch Farbe von Zeit, Verwesung und Transformation erzählen, scheint dieser noch vor einem solchen Prozess zu stehen. Er wirkt wie ein unfertiges Bild, wie eine Malerei ohne Malerei. (4)

Und dann sind das ja alles Kopien. Nicht nur der Fisch, sondern auch die Pinsel, Zitronen und Schädel. Als würde im zeitgenössischen Stillleben nicht mehr der Fisch und die Zitrone verwesen, sondern vor allem Apple (hoffentlich?). Vielleicht werden die Objekte gerade deshalb so hartnäckig in Richtung Malerei gedrängt. Denn auch die vereinten Gegenstände auf einem Gemälde sind letztlich nichts anderes als Kopien von Dingen. Der weisse Fisch auf Jute erscheint dadurch fast weniger als Kopie eines Fisches denn als Kopie eines Stilllebens. Vielleicht zeigt Olesen hier nicht einfach ein ethnografisches Museum der Malerei. Vielleicht versucht er tatsächlich, mit Objekten Malerei herzustellen.

Henrik Olesen, Copies of real-life objects, tools and food, Kunsthalle Zürich, 2026

Image: Cedric Mussano

Diese Theorie lässt sich umso mehr stützen, wenn wir in den oberen Raum gehen, wo die Glasbehälter, die in ethnografischen Museen Exponate präsentieren würden, selbst zu Exponaten werden. Sie sind leer und an die Wände gedrängt. Diese zum Bild gemachten Objekte rahmen nichts als Luft und die Kunsthalle selbst, die mit ihren weissen Wänden als Platzhalter für jegliche Ausstellungsinstitutionen dieser Art fungiert.

Naja - ist es Malerei (ohne Malerei)? Ist es ein zeitgenössisches ethnografisches Museum der Malerei, in dem Institutionskritik à la Broodthaers versteckt liegt? Ist es beides und sammelt Olesen allem voran den Abstand zwischen Objekten und Bildern? Ich weiss es nicht, aber es gefällt mir sehr – im Besonderen dann, wenn im oberen Raum mein Kind urplötzlich zur leeren Mitte rennt und sich hinsetzt, um so etwas wie die Übersicht zu geniessen.

Henrik Olesen, Copies of real-life objects, tools and food, Kunsthalle Zürich, 13. Juni–6. September 2026.

(1) Ben Lerner, Transcription, London: Granta Books, 2025.
(2) Philip Ursprung, Kunst der Gegenwart. Von der Conceptual Art zur Gegenwartskunst, München: C.H. Beck, 2010.
(3) Clara Richard Gostynski, «Silent Green Film Feld Forschung: Breathing Matter(s): Retrospective Exhibition of the Work of Véréna Paravel and Lucien Castaing-Taylor», Journal of the Society of Architectural Historians, 2026.
(4) Isabelle Graw, Die Liebe zur Malerei. Genealogie einer Sonderstellung, Zürich: Diaphanes, 2017.

Reading Rämistrasse

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