Für eine Weile zeigte mir mein Instagram-Algorithmus hauptsächlich DIY-Hausrenovationen an. In dieser Bubble dominieren derzeit Millenial-Beige und andere gedämpfte Töne; oft wird auch bereits Schönes mit diesen Anstrichen verschlimmbessert. Die Bezeichnungen der Farbpalette der scheinbar monopolistischen, oder zumindest omnipräsenten, Herstellerin dieser Renovationsfarben reichen von «Weiss mit Vanille» zu «Blau mit Nacht». Im Rahmen ihrer Arbeit Grund (2026), dem Hauptwerk der Ausstellung salbung im Helmhaus, hat Lynne Gbodjrou Kouassi, den bisher reinweissen Boden in einem Farbton streichen lassen, der bei der zuvor erwähnten Herstellerin etwa «Lila mit Lavendel» oder «Lila mit Flieder» heissen würde.
Das Helmhaus war in den letzten etwas mehr als 20 Jahren ziemlich weiss; 2004 wurden die bisher (bewusst) dunkelgrauen, bürokratisch anmutenden Böden im Rahmen von Norma Jeanes Ausstellung Body Proxy im Weisston der Ausstellungswände (RAL 9010) überstrichen.
Lynne Gbodjrou Kouassi möchte nun mit ihrer dauerhaften Intervention in Lila, nach eigener Aussage, Räume schaffen, in denen sich Besucher*innen wohl fühlen. Ist die Wahrnehmung eines Raumes als «angenehm» nicht höchst subjektiv? Ich fand die Verschmelzung von Wand- und Bodenflächen zuvor zum Beispiel durchaus angenehm, und dass die Konditionen für viele Arten von Kunst mit diesem bisherigen Farbkonzept gut waren. Farbe kam durch die Fenster, durch die gezeigten Werke und durch die Besucher*innen zur Genüge ins Haus. Das Helmhaus war bisher sicher keine triste, monotone und monochrome Institution.
Dass in White Cubes auch der Boden weiss ist, ist eher selten. Der glänzend-weisse Boden im Helmhaus fiel auf, man dachte über seine Präsenz nach, wenn man die Räume betrat, aber er konnte auch fast verschwinden, liess den wechselnden Ausstellungen Raum, ohne sich zu stark in sie einzuschreiben.
Das Konzept des White Cubes, mit dem sich Kouassis Arbeit Grund befasst, und einige seiner teils als problematisch empfundenen Aspekte wurden in einer Einführung in die Ausstellung erklärt, in die ich zufälligerweise stolperte. Der Kurator der Ausstellung, Daniel Morgenthaler, der auch anwesend war, führte dort aus, dass der lila Boden natürlich bei Bedarf bedeckt, aber nicht überstrichen werden dürfe. Dass Kouassis dominantes Werk eine permanente Installation ist, mit der sich alle Kunstschaffenden, die in den nächsten Jahren in diesen Räumen ausstellen, zurechtfinden müssen, ist in der Bodenfarbvereinbarung (2026) festgeschrieben.
Diese Bodenfarbvereinbarung soll wohl so etwas wie eine weniger harte Version eines Vertrags sein, spricht aber zugleich direkt die «geschätzten Besucher*innen» an, denen mitgeteilt wird «dass der Boden des Helmhaus nun permanent in neuer Farbe erstrahlt». Zwischen den kreisförmig angeordneten Unterschriften der Helmhaus-Leitung und der Künstlerin ist eine kleine Schnecke abgebildet. Diese Schnecke auf diesem lila gerahmten Nicht-Vertrag, der eher wie eine Medienmitteilung anmutet, finde ich herzig, aber erscheint mir letztlich auch ziemlich unentschieden. In der Vereinbarung steht weiter, dass diese Bodenfarbe erst bei einem Leitungswechsel wieder dauerhaft verändert werden darf und dies nur «durch eine kulturpolitisch begründete Intervention». (Was soll das heissen? Ist Kouassis Werk eine kulturpolitisch begründete Intervention?). Die nächste Bodenfarbe darf laut Vereinbarung nicht das bisherige RAL 9010 sein.
Aus dem Ausstellungstext entnehme ich die Analyse, dass Weiss eine Normfarbe sei (was natürlich stimmt), vom Ausstellungsraum bis hin zur Hautfarbe. Die Gleichsetzung von reinweissen Farben in der Ausstellungsarchitektur und hellen Hauttönen (die ja nicht faktisch weiss sind) müsste man mir jedoch noch einmal erklären; über den Hinweis auf Normativität hinaus erschliesst sich mir diese nicht ganz.
Ich stelle mir neben ästhetischen und praktischen Fragen vor allem solche zur konzeptuellen Unentschiedenheit dieser Arbeit: Wieso denn genau dieses Lila? Ist die Farbwahl einfach subjektiv, oder lässt sie sich klar begründen? Soll dieser Farbton Feminismus signalisieren? Dafür finde ich keine Hinweise in den Begleitmaterialien. Oder geht es einfach darum, dass es nicht Weiss ist? Und wenn es hier wirklich um die normative Verwendung von Weiss in Ausstellungsräumen geht, warum bleiben dann die Wände – die, im Gegensatz zu Böden, ja tatsächlich in den meisten zeitgenössischen Ausstellungen weiss sind – von dieser künstlerischen Intervention unberührt?
Lynne Gbodjrou Kouassi, salbung, 23. Januar–15. März 2026, Helmhaus, Zürich