Robin Hood – Eine Biestballade ist ein scharfsinniges Tierepos, das von Freiheit handelt. Es übt tiefsinnige und schöne Kritik am global aufbrausenden Faschismus und der damit einhergehenden Kapitalakkumulation. (1) Das Stück könnte kaum aktueller sein. Ich verlasse den Pfauen, unseren alten Vogel, mit einem klareren Bewusstsein über die Gegenwart, mit einem stärkeren Verantwortungsgefühl und einer Anregung zur Handlung.
Diese Biestballade ist relevant! Ich fordere Sie, liebe Lesende, gleich an zweiter Stelle auf: Führen Sie alle genug grossen Kinder in Ihrer Lebenslandschaft ins Theater aus - sofern Sie die Frage nach Freiheit brennend interessiert und Sie sich nach Verbundenheit, Praxis und einem Ort für mögliche Lösungen sehnen.
In Zeiten, in denen Freiheitsräume messbar abhanden kommen – denken wir an das Streichen von Geldern im Bereich der Kultur und Hochschulen, denken wir an den ganzen Aufrüstungswahn und die bereits vorhandenen Kriege, denken wir an die Zölle und die wachsenden Einschränkung der Bewegungsfreiheit und denken wir an den ganzen Rassismus und leider viele viele weitere Beispiele - in diesen instabilen Zeiten wendet sich das Kollektiv Moved by the Motion rund um Regisseurin Wu Tsang und Schreibende Sophia Al-Maria mit dem Thema der Freiheit einem besonderen Gegenüber zu: Kindern. Kinder tragen Verantwortung für die zukünftige Freiheit. Erwachsene - also wir - tragen sie für sowohl die Jetzige als auch die Zukünftige.
Wenn ich von Freiheit spreche, meine ich eben genau nicht jene, die man sich anhand Aufrüstung besorgt, sondern ich meine am ehesten eine Freiheit wie jene, die David Wengrow und David Graeber aus folgenden Teilen bestehend beschreiben:
Die Freiheit, sich zu bewegen.
Die Freiheit, nicht gehorchen zu müssen.
Die Freiheit, alternative Gesellschaften denken zu dürfen. (2)
Die Biestballade läuft bereits, als wir Platz nehmen. Auf der Bühne sind Eichhörnchen bei harter Arbeit auf dem Feld zu sehen, auf dieses blickt ein panoptischer (3), schwarz-glänzender Turm. Der Effekt dieses Turms wird durch den leicht schrägen Bühnenboden verstärkt – ein visueller Druck entsteht, ein Gefühl der Unterdrückung breitet sich aus. Die Eichhörnchen bewegen sich nervös, gestresst und gezwungenermassen im Rhythmus; wir erfahren sie haben Hunger und Angst. Sie arbeiten, um Weizen für den «Master» im Turm zu sammeln – den einzigen Menschen in dieser Biestballade.
Ich habe mich gefragt, warum Eichhörnchen für einen «Master-Menschen» arbeiten? Die gehören doch auf Bäume und in den Wald. Ich erfahre schnell die Antwort: Der «Master-Mensch», lässt die Eichhörnchen glauben, dass der Wald ein unheimlicher, schrecklicher, fürchterlicher Ort ist. Er bezeichnet den Wald negativ als «wild».
Die Eichhörnchen haben noch nie eine Eichel gesehen – aber wissen, dass es welche gibt. Der Robin-Hood-Mythos beginnt sich einzuschleichen: als Lied, als Hoffnung, als Ahnung. Besonders ein junges Eichhörnchen, unglaublich überzeugend von Nancy Mensah-Offei gespielt, kennt Lieder über Robin Hood (Tosh Basco) und glaubt daran, dass es gerettet wird, denn es befindet sich inzwischen im Turm eingesperrt – weil es solidarisch mit einem anderen Eichhörnchen war, das zu wenig Weizen gesammelt hat. Bestraft wird also nicht das Verbrechen, sondern die Haltung.
Die Macht des «Masters» wird vertreten von einer extravaganten Katze, ebenfalls hervorragend von June Ellys Mach gespielt und einem Capitolsturzartigen Sheriff-Hund (Sebastian Rudolph) – beide Figuren wirken mit ihren akkuraten Bewegungen und Kleidungsstücken überzeichnet in Boshaftigkeit, sind es aber, wenn wir es uns genau überlegen, wahrscheinlich nicht. An dieser Stelle ein grosses Kompliment an die Movement-direction von Tosh Basco & Choreografie von Josh Johnson, denn die Tiere sich allesamt phänomenal bewegen.
Dass alle Figuren Tiere sind, ist kein Gag. Es ist Methode. Tierepen – wie Reineke Fuchs, Anansi, Kalila wa Dimna – erzählen seit Jahrhunderten davon, wie List, Anpassung und Gemeinschaft das Überleben sichern. Diese Tiergeschichten waren schon politisch, bevor es politisches Theater gab. In dieser Inszenierung übernehmen Tiere den Diskurs. Es geht nicht um eine Flucht in ein Fabelwesenreich, sondern die Tiere verkörpern die Freiheit, neben den Menschen, über den Menschen, unter ihnen, wie auch zu ihnen hin, zu blicken. Daraus folgt eine genauere Beobachtung und im Idealfall lassen sich für uns Menschen daraus Regeln ableiten. (4)
Hier sehen wir die Eichhörnchen im Innern des Turms. Sie sitzen alle im Gefängnis, ein Loch im Boden. Dahinter ein klares, gerahmtes Bild: «Aussicht» für die Augenhöhe eines erwachsenen Mannes gedacht. Eine moderne Erfindung – erinnert an Mies van der Rohes Skizzen, in denen er eine komplette Abstraktion jeglichen Innenraumes tätigt. Er löst ihn in nur wenigen Linien auf und an die Stelle eines Fensters setzt er eine Fotografie. Die Wirkung, die durch den Kontrast entsteht, ist ein Fenster, das suggeriert: Der Mensch kann Natur rahmen und beobachten, ohne Teil von ihr zu sein. Er kann sich über sie erheben und sich glauben machen, dass er sie beherrscht. Verstärkt wird dieser Effekt auf der Bühne durch die überspitzte flugzeugartige Höhe der Aussicht und ebenfalls durch die Dreiteilung des Fensters, welche die Assoziation der Dia-Fotografie hervorruft. Ich lese in der Dia-Fotografie den Anfang des Kontrollinstruments: Kamera. Der Akt, ein Foto zu schiessen, kann mit einem Pistolenschuss verwandt sein. (5) Ein grosses Kompliment an das Bühnenbild von Nina Mader und Carlos Soto.
Die Biestballade zeigt uns ganz genau auf, wie alle von Graeber und Wengrow bezeichneten Freiheiten anhand des «Masters» unterdrückt sind. Die Eichhörnchen können sich nicht vom Besitz des Masters bewegen, sie dürfen sich nicht kritisch gegen das System äussern und wenn sie Lieder von Robin Hood singen, also von Alternativen träumen, werden sie vom System bestraft. Alle Teil Freiheiten sind bereits unterdrückt und nur aufgrund der Existenz und Handlungsfähigkeit einer Alternativen Gesellschaft, also die Tiere aus dem Wald – Robin Hood ist einfach eines davon, es gibt viele und alle sind wichtig – dürfen die Unterdrückten Eichhörnchen Freiheit erfahren und sich einer neuen, für sie besseren Lebensrealität zuwenden.
Im Wald – das Gegenbild zum Turm – ist nicht einfach ein idealisierter Ort gezeigt, auch wenn die Ballade ein wenig atavistische (6) Sehnsucht vermuten lässt. Der Wald stellt für mich etwas zwischen dem Wald von Maurice Sendaks Wilden Kerlen (7) und Ursula Le Guins Beutel Theorie-Wald (8) dar: Er ist wild in seiner schönsten Form und geregelt in seiner notwendigsten Form. Er ist ein Ort der Selbstverantwortung und Autonomie, aber nicht der naiven Freiheit. Er ist ein Ort der Kooperation, wo man miteinander klarkommen muss, auch wenn man sich beispielsweise nicht mehr verzeihen kann. Er ist in der Schweiz ein Allgemeingut, eine Errungenschaft des Sozialstaates und er fungiert in der Biestballade als Hoffnungsträger. Ich lese den gezeigten Wald als pazifistischen Ort und freue mich darüber, das Publikum mit einer Bewegung konfrontiert zu sehen: Pazifismus, die nur allzu oft und unberechtigterweise als naiv abgetan wird.
«Wir selbst werden die sein, die uns retten», sagt Wu Tsang im Gespräch mit Joshua Wicke (Dramaturgie), welches wir im Programmheft des Abends nachlesen dürfen.
Vielleicht stimmt das. Vielleicht fängt es hier an. Mit einem Tier, das nicht gehorcht. Mit einem Kollektiv, das nicht zurückweicht. Mit einem Abend, der anders erzählt, was wir längst wissen – aber zuvor nicht gehört haben, weil es niemand so schön sagt.
«Wer ist Niemand?», wird im Stück gefragt.
Eine Antwortet lautet: Niemand ist frei, bis nicht alle frei sind. (9)
Robin Hood - Biestballade, Moved by the Motion, Schauspielhaus Zürich, Premiere 9. April 2025, läuft bis zum 25. Mai 2025.
(1) Zur Erinnerung, im Januar dieses Jahres (2025) besass Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, ungefähr 1/1000 des gesamten Weltvermögens. (Haben wir keine Menschenrechte, die Kapitalakkumulation nach oben begrenzen? Wieso nicht?)
(2) David Graeber and David Wengrow, The Dawn of Everything: A New History of Humanity, New York: Farrar, Straus and Giroux, 2021.
(3) Panoptisch beschreibt eine räumliche oder gestalterische Anordnung, die einen umfassenden Überblick oder eine allumfassende Sichtbarkeit ermöglicht. Vom griechischen pan (alles) + optikós (sehen betreffend); geprägt durch das Konzept des Panoptikums von Jeremy Bentham (18. Jh.). Soziologisch wurde der Begriff stark von Michel Foucault geprägt, welcher ein panoptisches System als eine Überwachungsarchitektur beschreibt, bei der wenige viele beobachten können, ohne selbst gesehen zu werden. Bekanntes Beispiel: das Panoptikum-Gefängnis. Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Übers. von Walter Seitter. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. (Original: Surveiller et punir: Naissance de la prison, 1975).
(4) Wir verwenden hierfür oft den Begriff des Animismus, die Beseelung der Tiere oder Objekte. Ich möchte hier kurz abschweifen und auf ein konkretes Beispiel, was mir ins Hirn spickt, aufmerksam machen: Im Jahr 2012 wurde im plurinationalen Staat Bolivien, Flüssen dasselbe Recht wie Menschen eingeräumt. Dabei berief sich Präsident Evo Morales auf uralte bis in die Gegenwart praktizierte Rituale und Verhältnisse zur Natur der Pachamama. Ganz interessant finde ich daran, dass der Animismus sich im Gesetz manifestiert.
(5) Als ich im Januar in Bolivien war, wo meine Familie herkommt und mit Sony Alpha durch den Markt lief, konnte ich mir an einer Stelle ein Foto nicht verkneifen. Nachdem ich es schoss, erhob sich eine ältere Frau. Sie stellte sich vor mich hin und fragte mich gelassen, ob mir bewusst sei, dass ich in dem Moment wo ich dieses Foto schiesse, dem Ort, wie auch ihr und den Anderen und auch mir selbst ein Stück Leben klaue.
(6) Atavismus bezeichnet das Wiederauftauchen von Merkmalen oder Verhaltensweisen aus früheren Entwicklungsstufen – biologisch, kulturell oder sozial. In der Kunst wird der Begriff oft genutzt, um Rückgriffe auf archaische, mythische oder vormoderne Formen zu beschreiben, die im zeitgenössischen Kontext bewusst reaktiviert werden.
(7) Maurice Sendak, Where the Wild Things Are, Harper & Row, 1963.
(8) Ursula K. Le Guin, The Carrier Bag Theory of Fiction, 1986. Wiederveröffentlicht in: Dancing at the Edge of the World: Thoughts on Words, Women, Places, Grove Press, 1989.
(9) Zitat aus dem Stück, das auf mich wie ein gelungenes Umschreiben von einem Moment der Odyssee von Homer und zwar als Odysseus (Ulysses) auf die Zyklopen klarkommen muss, wirkt.