In meiner Nachbarschaft befindet sich das Wasserreservoir Strickhof, das 2024 durch ein Pumpwerk erweitert wurde. Auf der Vorderseite des von aussen unscheinbaren Baus ist das 1972 angefertigte Wandmosaik von Warja Lavater und rechts davon, auf der Wand der Erweiterung, die 2024 von Sonja Koch gestaltete abstrakte Antwort zu sehen.[1] Das Wandmosaik von Lavater zeigt eine schematische Zeichnung der Stadt vom See bis zum Zürichberg. Ein hellblauer Kanal zieht sich durch die Landschaft. Entlang des oberen Randes reihen sich in unregelmässigen Abständen Wappen – die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um Wappen der Ortschaften handelt, die durch den Kanal mit Wasser versorgt wurden. In der Mitte unten, ganz prominent, steht das Stadtzürcher Wappen, geflankt von seinen zwei Löwen. Ein kleiner Text unten links verkündet: «Das Volk von Zürich beschloss den See zu holen und unter sich zu verteilen am 4. Dezember 1955, 26. Februar 1967, 27. September 1970». Hier wird das Wasser vom See als Allgemeingut der Menschen verstanden und die Stadtzürcher Bevölkerung als engagierter Gesamtkörper, der sich davon bedient. Das ist eine «Wassergeschichte», wie sie in der aktuellen Ausstellung Wasser. Gestaltung für die Zukunft vom Museum für Gestaltung präsentiert werden.
Die Ausstellung beginnt mit einem Zeitstrahl von wichtigen mit Wasser verknüpften Wendepunkten in der Menschheitsgeschichte: die Erfindung des römischen Aquädukts, etwa, oder dem 2017 neuseeländischen Gerichtsfall der dem Fluss Whanganui Rechte zusprach. Die kleine, aber dichte Ausstellung ist in fünf Teile gegliedert: «Water Stories,» «Bodily Waters,» «Invisible Waters,» «Thirsty Cities» und «Ecosystems». Kulturgeschichte, Biologie und Umweltwissenschaften fliessen nahtlos in Kunst und Technik. Die künstlerischen Arbeiten, die hier zur Illustration der Wasserproblematik dienen, übermitteln nicht nur ihre eigene Form von Wissen, sondern operieren auch oft an der Schnittstelle zur Wissenschaft.
Anhand von einer cleveren Auswahl an Kunstprojekten, Artefakten und Design- Modellen wird gezeigt, wie Menschen aus unterschiedlichen Ländern und in verschiedenen Zeitaltern mit der Ressource – ich sollte sagen dem selbstbestimmenden Wesen – Wasser umgehen. Somit haben Nora Wüthrich, Erika Pinner und Jane Withers eine vielschichtige Ausstellung zur Morphologie und Kulturgeschichte von Wasser kuratiert und innovative Erfindungen aus den Bereichen der visuellen Kunst, Gestaltung und Architektur für die Zukunft vorgestellt. Schade ist nur, dass trotz dem Fokus auf indigenem Wissen und einigen ausgestellten Projekten, die sich dezidiert mit der «Misswirtschaft und Übernutzung» von Wasser, d.h. der Unebenheit der Wasserkrise, auseinandersetzen, die Besuchenden beim Verlassen der Ausstellung per Umfrage einmal mehr aufgefordert werden, bloss ihr eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen, statt auf kollektiver politischer Ebene für bessere Umstände zu ringen. Auch die Voranstellung der Eigenverantwortung für den Umgang mit kostbaren Ressourcen ist, letztendlich, eine ideologisch aufgeladene «Wassergeschichte».
Wasser. Gestaltung für die Zukunft, Museum für Gestaltung, Toni-Areal, 29. November 2024–6. April 2025