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Reading Rämistrasse #97: Clifford E. Bruckmann zu Simon Risi im Toxi Space

Ich glaube nicht, dass Künstler:innen und die Kunstbranche – oder -Industrie – in ihren Auswirkungen auf Menschen auch nur im Ansatz mit dem Einsatz von Atomwaffen, der Industrialisierung oder ausbeuterischen und nicht-nachhaltigen Praktiken der Finanzindustrie vergleichbar ist. Dennoch, als Kunstschaffende bewegen wir uns in der einzigen mir bekannten, global agierenden und vernetzten Industrie, die kaum spezifischen regulatorischen Bedingungen (wohl mit wenigen Ausnahmen sowie Steuer- und Zollgesetzgebungen) oder von der Industrie selbst auferlegten Best-Practice-Modellen ausgesetzt ist. Der aktuellste Global Art Market Report der UBS und der Art Basel beziffert den Jahresumsatz («Global Sales») des Kunstmarkts auf 65.1 Milliarden USD für 2021. Dies, wohlgemerkt, ohne Zuliefererindustrien wie Veranstaltungstechnik, Messebau, Transporte und Logistik, Art Handling, Sammlungspflege, Künstler:innen und Assistent:innen und dem gesamten Bereich öffentlicher und privater Museen, sowie anderer, nicht-kommerzieller Akteur:innen. Natürlich scheint diese Zahl klein im Vergleich, sobald die 3.1 Billionen USD Jahresumsatz der Automobilindustrie herangezogen werden. Trotzdem, das vom Internationalen Währungsfonds geschätzte Bruttoinlandsprodukt von Bulgarien im Jahre 2020 ist nur marginal höher als der Verkaufserlös des Kunstmarkts, und Länder wie Kroatien, Venezuela, Island oder Georgien befinden sich unter dieser Marke. Was wohl auch nicht vergessen werden sollte ist, dass es mit der Disziplin der Kunstgeschichte eine globale, kanonisierte und etablierte akademische Auseinandersetzung mit allen Aspekten des Kunstschaffens gibt, die anderen akademischen Disziplinen in nichts nachsteht. Letztlich geht es mir darum in Kürze aufzuzeigen, wie eine global vernetzte Wirtschaft – einschliesslich des Kunstmarktes – einer wie auch immer gearteten (Selbst-)Regulation unterworfen werden.

Solche Ausführungen sind wichtig, um zu verstehen, wie gross die Kunstindustrie und der zugehörige Markt sind. Die Umsätze können als indirekter Indikator dafür herhalten, wie viele Menschen innerhalb der Wertschöpfungsketten arbeiten. Nach diesem globalen Exkurs widme ich mich und diesen Text aber nun der Ausstellung von Simon Risi im Toxi Space in Zürich. Der weitere Kontext, in dem wir uns als Kunstschaffende bewegen, ist wichtig, um nachzuvollziehen, welchem Themenkomplex sich Simon Risis Ausstellung Mission and vision statement anzunähern versucht.

Gemeinsam mit seinem Vater Otto Risi, selbst Unternehmensberater in der Gesundheitsbranche, hat Simon Risi die Firma Risane gegründet. Ob es sich dabei um eine spezifisch für die Ausstellung entwickelte Hülle ohne eigentliche Tätigkeit, oder aber sich um ein operatives Unternehmen handelt, ist unklar. Dies ist aber insofern unwichtig, als dass Simon und Otto Risi zur Eröffnung der Ausstellung eine Power-Point-Präsentation vorführen, die in ihrer visuellen Banalität und der hypomanischen Aufführung den Vergleich mit den Klischees aus den corporate KMU-Sitzungszimmern dieser Welt nicht zu scheuen braucht. Während die Vertreter des Familienunternehmens ihre Consultingweisheiten zum Besten geben, ballert eine Tennisballwurfmaschine in einem eigentümlichen Setup orange Bälle quer durch den Raum und zwischen die Präsentierenden und das Publikum hindurch in einen verspiegelten Kubus mit einer empfangenden Öffnung. Die den Spiegelquader verfehlenden Bälle hinterlassen orange Abdrücke auf der weissen Wand. Wenngleich wohl ohne Relevanz, so stelle ich doch mit Freude die zufällige Synchronität mit dem gleichentags erfolgten Rücktritt von Roger Federer fest, während Otto Risi in sympathischsten Helvetismen radebrecht. Und doch, auch eine mechanisch ausgefeilte und justierte Maschine trifft nicht immer – wie Roger Federer, der trotz seines zeitweise fast perfekten Spiels bei allen Winnern manchmal auch den Rahmen erwischte oder den Ball neben die Linie setzte.

Simon Risi, Vision and Mission Statement, Toxi Space, 2022

Image: Nico Sebastian Meyer

Trotz der formal etwas erzwungen erscheinenden Szenerie, tut sich dennoch eine Metapher auf, die der Präsentation einen neuen Dreh gibt, den ich selber nicht mehr erwartet hätte: Während Otto Risi mit der Selbstverständlichkeit des Unternehmensberaters Kulturorganisationen mit anderen Firmen gleichsetzt, beginnen sich die Gedanken in den angebotenen Leerraum der generischen Power-Point-Präsentation auszubreiten, und das unregelmässige, dumpfe Aufprallen der Bälle verkommt zu einem einlullenden Hintergrundgeräusch. So sehr Vater und Sohn bis zu diesem Zeitpunkt Strukturen, Ablagesysteme und Prozessmanagement hervorgehoben haben, so sehr bilden die sich in einer Organisation bewegenden Menschen das Fundament und eine tragende Wand von Risanes KMU-Kirche. Was passiert also, wenn wir die Ballwurfmaschine und Roger Federer vereinen können?

Die neben die Linie gesetzten Bälle Federers, die orangen Abdrücke auf der Wand – sie kommen in jeder Organisation und jedem Unternehmen vor, unabhängig von Struktur oder jahrelang eingeübten Abläufen und Prozessen. Lediglich der Umgang mit diesen Fehlschlägen ist entscheidend. Kann eine Organisation – oder Federer – sich auf die nächste Aufgabe, den nächsten Schlag wieder neu fokussieren und das Gelernte mitnehmen? Wie überführen Organisationen das akquirierte Wissen in ihre operative Tätigkeit und machen es nachhaltig verfügbar? Risane setzt dabei auf einen Ansatz, der an der Basis rigide Strukturen verlangt, damit sich die im Unternehmen oder der Institution tätigen Menschen auf das Wesentliche konzentrieren können. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Menschen auf «das Wesentliche» einigen können – die strategischen Zielsetzungen müssen also formuliert und mit Haltungen unterfüttert werden. Inwieweit diese Strukturen und Prozessvorgaben sich auf Kunst- oder Kulturunternehmungen anwenden lassen, muss allerdings erprobt werden.

An der Oberfläche scheint es also, als füge sich Simon Risi in die etablierte Nische der Institutionskritik mit Fokus auf Kulturinstitutionen ein. Die ganze Aufführung ist aber auch inhärent selbstkritisch, indem sie den Finger darauf legt, in welche Strukturen sich Kunstschaffende begeben und von ihnen – vermeintlich kritisch – vielfach reproduziert werden. Der Mangel an Regulierung, Transparenz, Good Governance, Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit innerhalb des Kunstbetriebs wird von vielen Kunstschaffenden als störend und allgegenwärtig empfunden, beschrieben und kritisiert. Dies in einer Industrie, die global agiert, immense Umsätze erzielt und viele Menschen betrifft. Simon Risi lässt diese Kritik nicht aus, bettet sie jedoch in einen konkreten und nachvollziehbaren Vorschlag ein und übernimmt so Verantwortung für die Reproduktion solcher Probleme, die andere Künstler:innen nicht immer wahrnehmen oder trotz Kritik sogar dagegen arbeiten. Die Kehrseite ist ebendiese Reproduktion und Weiterführung von Mechanismen, die an der Oberfläche abgelehnt werden, denn der Kunstmarkt ist wie der amerikanische Traum der Nachkriegszeit: Egal wie hart die aktuelle Situation, die Hoffnung auf ein besseres Leben ist allgegenwärtig. Wer würde das zukünftige, potentiell erfolgreiche Selbst also in den Möglichkeiten beschränken wollen?

Simon Risi, Vision and mission Statement​, Toxi Space

Image: Nico Sebastian Meyer

Die Erprobung der von Simon und Otto Risi vorgeschlagenen strukturellen Grundlagen für den Betrieb eines Kulturunternehmens lässt wohl nicht lange auf sich warten. Die Firma Risane verleiht Zertifikate und wiederkehrende ISO-Zertifizierungen auf Grundlage zyklischer Peer-Reviews und Audits. Toxi ist dabei erste Empfänger:in eines dieser Zertifikate und erhält zum Ende der Präsentation ihre Bescheinigung überreicht. Hält sich Toxi an die von Risane vorgeschlagenen und zertifizierten Strukturen – und das ist der eigentlich Kniff an Simon Risis Ausstellung – so hat Mission and vision statement das Potenzial, viel länger anzudauern, als die Ausstellungsdaten behaupten. Simon und Otto Risi, die gemeinsame Firma Risane und Toxi führen also vor, wie ein:e Künstler:in in einem Projektraum überschaubarer Grösse einen Pilotversuch lancieren kann, der vielleicht positive Auswirkungen und Erkenntnisse für die gesamte Industrie zeitigt. Ob dieses grosse Ziel erreicht wird, ist aber gar nicht von Interesse, sondern die Tatsache, dass einige wenige mit gutem Beispiel voranzugehen versuchen.

Es kann spekuliert werden – hier bietet Simon Risis Arbeit im erweiterten Sinne vielleicht Erkenntniswert –, dass sich Künstler:innen und in der Kunstbranche tätige Personen mehr oder weniger bewusst in eine Hansdampf-im-Schnäggeloch-Situation begeben, in der das Eine nicht recht ist, das Andere aber schon gar nicht. In anderen Bereichen mit globalen Auswirkungen wird politisch stets über Zuckerbrot und Peitsche, Handlungsspielraum und Regulation mit zugehöriger Durchsetzung debattiert, verhandelt und gestritten. Die in der Kunstindustrie branchenweit verbreiteten, akzeptierten, auf ein Podest gehobenen und als positiv «experimentell» bezeichneten, jedoch gleichzeitig heftig kritisierten Strukturen ergeben einen Trade-Off, der anziehend wirkt, aber auch zu Leid führen kann: Prekariat und Unsicherheit sind der Preis für unkontrollierte und unregulierte Freiheiten, die sich aber wiederum anderswo, wo so viel Geld im Spiel ist, nicht finden lassen.

Reading Rämistrasse

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