In einer Werkschau in den ehemaligen Räumen des Haus Konstruktiv schimmern die Netzwerke von sieben unabhängig organisierten Kunsträumen Zürichs durch. Die Kollektive 6½, Hotel Tiger, Die Diele, Papillarya, volumes, Material und zwischentext haben die Ausstellung OZEANE FLIESSEN AUFWÄRTS gemeinsam organisiert, präsentieren rund 80 Künstler:innen und engagieren sich mit einem lebendigen Veranstaltungsprogramm.
Die Atmosphäre pendelt zwischen Diplomausstellung und Salon. Neben den Ausstellungsräumen bespielen die Künstler:innen alle Ritzen, Ecken und Zwischenräume des EWZ Unterwerk Selnau. In manchen Räumen scheint die titelgebende Idee buchstäblich umgesetzt; so ist Wasser etwa im Untergeschoss inhaltlich wie visuell präsent. An einigen Stellen sind Werke ortsspezifisch entstanden, an manchen haben sie pointierte Platzierungen gefunden, oft gehen sie allerdings unter in ihrem zufälligen Nebeneinander, verlieren sich, verblassen.
Nicht so im ehemaligen «Rockefeller Dining Room» (Fritz Glarner, 1963/1964): Diesen bespielt volumes mit einer sorgfältigen Archivzusammenstellung. In einer stimmigen Inszenierung sind Bücher, Fanzines und Magazine in drei losen Themenkonstellationen ausgelegt: zu Praktiken des Publizierens, zu Zürich und zu «Maritime Poetics». Damit thematisiert das Kollektiv seine eigene Existenz als Plattform für Kunstpublikationen, verankert sich und die Ausstellung lokal, gibt der metaphorischen Setzung der Grossschau Richtung. Es rahmt, kontextualisiert, verdichtet, ohne abzuschliessen, etwas, das in OZEANE FLIESSEN AUFWÄRTS sonst diffus bleibt. In der Zürichsektion begegne ich beim Durchstöbern einer ehemaligen Ausgabe von Das Magazin mit der Schlagzeile «Kunst kommt vom Kennen». In einem sich über zwei Seiten ausbreitenden Mapping sind Verbindungslinien unter dem «Who’s Who» der Zürcher Kunstszene der Nullerjahre gezogen: die Künstlerin X, der Kurator Y und die Sammlerin Z – ein wildes Gewirr unter den immer noch lokal wie international Einflussreichen, darunter auch Galerist:innen, Direktor:innen, Mäzen:innen und Verleger:innen. Wer darin ausgeblieben ist, muss sich zünftig geärgert haben. Einen bitteren Nachgeschmack, den vermutlich auch einige mit sich tragen, die für OZEANE FLIESSEN AUFWÄRTS keine Einladung erhielten. Ein- und Ausschluss in den verschiedenen Gewässern des Kunstökosystems.
Die Frage des Netzwerks taucht auch anderswo in der Ausstellung auf: in The Good Artist: System (2026) von Simon Risi. Die Arbeit erzählt von den bürokratischen Anteilen des künstlerischen Daseins: Kontakte pflegen, Initiative ergreifen, Karriere planen. Ein streberhaftes Dossier, darunter ein Register seiner existierenden wie erwünschten Kontakte: Ich suche mich, atme auf und schmunzle.
Auch in OZEANE FLIESSEN AUFWÄRTS zeichnen sich die Dunstkreise der sieben Kollektive ab. Jetzt bewohnen neue Generationen lokaler Künstler:innen das Haus, das während des letzten Vierteljahrhunderts unter der Fahne der Zürcher Konkreten stand. Spuren der vergangenen Ausstellung sind noch sichtbar. Ich wünsche mir, dass auch dieser gemeinsame Effort seine Spuren hinterlässt – in multiplizierteren Netzwerken und präziseren Setzungen.
OZEANE FLIESSEN AUFWÄRTS, EWZ Unterwerk Selnau, Selnaustrasse 25a, 8001 Zürich, 8. Mai–14. Juni 2026