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Reading Rämistrasse #173: Rebecka Domig zu % for Art: Regulating Civic Space in Zurich & Coumba Samba: The National Expo bei gta Ausstellungen

Kennt ihr die goldene Säule am Bahnhof Zürich Flughafen? Dort, wo der Zug unterirdisch Halt macht, um Flugreisenden eine unkomplizierte Weiterreise zu ermöglichen, ist eine der tragenden Stützen aus massivem Gold gefertigt. Das Material ist den Währungsreserven der Schweizerischen Nationalbank entnommen; ein glänzendes Zeichen für den Wohlstand der Schweiz. Ich sehe die Säule schon plastisch vor mir – dabei handelt es sich um einen nicht-realisierten Entwurf von Steiger, Architekten & Partner um 1979. Den Wettbewerb zur künstlerischen Ausgestaltung der Perronhalle im Bahnhof Zürich Flughafen gewann stattdessen die Künstlerin Charlotte Schmid, deren Wandbild sich durch eine klare Formsprache und beschwingte Linien in Rot, Blau, Weiss und Gelb auszeichnet und die Gleishalle bis heute prägt.

Beide Entwürfe und dazugehörige Dokumente sind nun in der Ausstellung % for Art: Regulating Civic Space in Zurich zu sehen, in der Studierende unter der Leitung von André Bideau eine Handvoll Forschungsbeispiele zu Kunst im öffentlichen Raum in der Stadt Zürich präsentieren. In insgesamt zehn Planschränken finden sich Skizzen, Notizen, Juryberichte, Korrespondenzen, Fotografien und weiteres Material, in dem die jeweiligen (etwas arbiträr gewählten) Beispiele nacherzählt werden. Die klassische Archivausstellung wird gebrochen durch die pastellfarbenen, pulverbeschichteten Aussenhüllen, die aus den unscheinbaren Aktenschränken coole Ausstellungsobjekte machen. Der gestalterische Eingriff stammt von Coumba Samba, deren Einzelausstellung The National Expo sich durch diese Geste mit der Archivausstellung verschränkt.

Was lässt sich anhand der gewählten Projekte über Zürich erfahren, über unseren Umgang mit Kunst im gebauten Raum? Ich notiere: Was für die Ewigkeit gedacht war, ist vielleicht schon wieder verschwunden, und was temporär galt, bleibt im Archiv konserviert. Das Wandbild von Thomas Müllenbach in der Tramstation Tierspital (1984 fertiggestellt) war zum Beispiel bereits wenige Jahre später durch technische Eingriffe an der Decke modifiziert und durch wildes Graffiti verunstaltet worden. Seit 2012 ist das ganze Kunstwerk hinter Metallpaneelen verschwunden, an dem auch jüngere Sanierungsarbeiten nichts mehr ändern konnten. Dagegen sind die klandestin gesprühten Linienfiguren von Harald Nägeli in der Tiefgarage des ETH-Hauptgebäudes (ab 1977) mittlerweile aufwändig saniert und zum Teil als Spolien im Archiv eingelagert. Ich notiere: Was am Ende zählt, sind die Geschichten, die wir über diese Werke erzählen; die Erinnerung an Kunstwerke, die verschwunden sind, oder die Erzählung der fantastischen Ideen, die nie realisiert wurden. Noch mehr als Kunst im Museum ist die Kunst im öffentlichen Raum relationaler Natur.

Auch Coumba Sambas Werke lassen sich in ihrer Gänze erst durch eine Erzählung erfahren. Zum Beispiel die Erzählung darüber, dass die glänzend polierten Poller im Ausstellungsraum, die der Archivausstellung der Studierenden neben weiteren Kuben, Kugeln und einer Abschrankung gegenübergestellt sind, mit grauem und weissem Autolack gestrichen sind. Im dazugehörigen Text erklärt Autorin Angelique Rosales Salgado, dass die Poller die Farben der Fahrzeuge tragen, mit denen während der landesweiten Proteste in den USA nach der Ermordung von George Floyd 2020 sogenannte «vehicle ramming attacks» verübt wurden. Als Gegenentwurf zur Archivausstellung steht der öffentliche Raum bei Samba vor allem für staatliche Regulierung, Kontrolle und Ausgrenzung. Auch wenn ich diesen Ansatz konzeptuell nachvollziehen kann, bringe ich ihn als Besucherin nur schwer mit der in den Planschränken präsentierten Auslegeordnung der Zürcher Baugeschichte zusammen. Ja, es sind zwei separate Ausstellungen, die nur lose miteinander in Berührung treten. Gerne hätte ich aber verstanden, wie Sambas Meta-Kommentar über den Widerstand gegen strukturelle Gewalt in den USA die Diskussion um die Geschichte von Kunst-und-Bau in Zürich bereichert. Stattdessen bleiben die Erzählungen voneinander losgelöst nebeneinander stehen, hier als lokale Detailbetrachtung, dort als gesellschaftspolitische Deutung. Am Ende schadet die räumliche Überfrachtung eher, als dass sie nützt – den beiden Ausstellungen ebenso wie den Besucher:innen.

% for Art: Regulating Civic Space in Zurich & Coumba Samba: The National Expo, 24. September – 28. November 2025
gta Ausstellungen, ETH Zürich, Hönggerberg

Reading Rämistrasse

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