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Eva Rothschild

24.01.–21.03.2004

Die irische Künstlerin Eva Rothschild (geboren 1972, lebt und arbeitet in London) trat in den letzten Jahren mit ihren Objekten aus u.a. Leder, Papier, Plexiglas in Ausstellungen hervor, die sich mit einer "erneuerten" Zuwendung einer jungen Generation von Künstlerinnen und Künstlern zum dreidimensionalen Objekt beschäftigten. Im letzten Jahr stellte die Whitechapel Art Gallery in «Early One Morning» Arbeiten von Eva Rothschild, Shahin Affrasiabi, Claire Barclay, Jim Lambie und Gary Webb unter dem Begriff der neuesten britischen Skulptur vor. Dreidimensionale Werke, die sich durch Wiedererwägungen und Erweiterungen bekannter Kunstformulierungen und Materialverwendungen auszeichnen und das dreidimensionale Objekt mit unterschiedlichen Akzentuierungen reaktualisieren, indem sie das Formenvokabular vor allem der Kunst seit den sechziger Jahren mit transkulturellen und transmedialen Kodierungen erweitern und mit zeitgenössischen Inhalten "aufladen".

Eva Rothschilds künstlerische Praxis, die dreidimensionale Objekte, Wandarbeiten und Video umfasst, greift in diesem Umfeld auf gängige Vorstellungen von Abstraktion, Repräsentation und Dekoration zurück, die sie durchwirkt mit Sehnsuchtsmodellen, die als Projektionen auf diese bekannten Formen in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen gemacht werden. Kunstsehnsucht und Sinnsehnsucht finden sich in ihren Arbeiten vielfach verstrickt. Ihre schönen Objekte sind mit einer eigenartigen Melancholie erfüllt, die ein ambivalentes Potential sowohl von Fülle und Hoffnung wie grossartiger Leere erzeugen.
Der Künstlerin gelingt es in ihren Arbeiten die geistige Aufladung der Werke der frühen Avantgarde ebenso anwesend sein zu lassen, wie die Ansprüche an gesellschaftspolitische Relevanz und ästhetische Durchdringung des Alltags der Konkreten Kunst, die Behauptung der autonomen elementaren Form im Minimalismus, wie die zahlreichen Verwendungen potentiell utopischen, geistigen "Bildmaterials" für Subkulturen und der "Sinnsuche", die sie in Esoterik und neueren gesellschaftlichen Utopienmodellen sieht.

Subtil und ambivalent verstricken ihre Arbeiten den Betrachter in Fragen nach dem Bild als Gebrauchsobjekt und nach dem Gebrauch von Bildern. In einer Ausstellung von Eva Rothschild findet man Objekte, die aussehen wie Skulpturen, Bilder und Objekte, aber immer auch an etwas anderes erinnern: An eine aus Leder geflochtene Blumenampel, einen aus Plastikstreifen geschnittenen Vorhang, an altarähnliche Kleinode, Protestobjekte der Strassenkultur, designgeschwängerte Wohnelemente oder handliche Fetischobjekte. Objektwelten und Gebrauchskulturen mischen sich in einer Materialverwendung, die die Geschichte der abstrakten Kunst und die Tradition der als gültig und autonom definierten elementaren Formen wie Kreis, Kugel, Quadrat und Dreieck in einen Bazar der Bedeutungen und Projektionen sendet.
Zur Herstellung ihrer Arbeiten nimmt Eva Rothschild vom Minimalismus die industrielle Produktion, von der Subkultur das Handwerkliche – beides zusammen bildet in ihrer Arbeit eine Gegenkultur des Waren-Kunstobjektes, das einer Massenkultur des Wünschens nach Inhalt und Bedeutung zuliefert und dieser zugleich widersteht.
Mit der Verwendung von Räucherstäbchen für die Arbeit «Disappearer» (ab 2002) etwa typifiziert Eva Rothschild einerseits einen quasi-spirituellen Kodemix, in dem wir seit den sechziger Jahren leben– einst ein Element religiös ritueller Praxis in östlichen Traditionen, steht es in den Subkulturen der westlichen Welt als Signifikant, das man irgendwie spirituell und an einer aufgeklärten Weltsicht beteiligt ist – gleichzeitig evoziert die Arbeit Referenzen an Arbeiten Felix Gonzales-Torres, die sich als Ausstellungsstücke in Aktion selbst konsumieren (z.B. seine Uhren oder die Bonbon-Anhäufungen).


Auch «Burning Tyre» (ab 2001), ein gebrauchter Autoreifen, in dem Räucherstäbchenmaterial abgebrannt wird, vereint in sich weitgestreute Kodierungen: Er ist minimalistische Kreisskulptur, Signifikant der protestierenden Strassengegenkultur und wohlduftendes Objekt einer esoterisch durchmixten Lagerfeuerromantik - ein vielfach mit Referenzen aufgeladener, verbrämter, erzählerischer und zugleich minimalistischer Aktionskunstgegenstand, oder vielleicht eben auch nur ein Autoreifen, der zu einem zweiten Gebrauch gefunden hat.

Besonders deutlich wird die Überlagerung von Systemen und Bedeutungswelten, wenn Eva Rothschild für ihre gewobenen Papierarbeiten jeweils zwei Vorlagenbilder ineinanderwirkt. So zum Beispiel in der Arbeit «Night of Decision» (1999), in dem ein christliches Poster und ein New Age Bild eines Wolfes ein drittes neues Bild erzeugen. Die dreiteilige Flechtarbeit «Eyes» (2003) besteht aus grossformatigen Fotokopien von einem Augenpaar und einem ebenfalls esoterisch angehauchten Sonnenstrahlenkranz. Während die Künstlerin zu Beginn ihrer Arbeit Poster, die die romantische Empfindung des Jugendlichen, der einsam in seinem Zimmer der traurigen Alltagswelt angesichts seiner Sehnsuchtsbilder entfliehen versucht, direkt approprierte, verwendet sie für ihre neueren geflochtenen Wandbilder Vorlagen, die sie selbst erzeugt oder die sie fragmentiert aus dem Arsenal der Medienbilder entnimmt. Eva Rothschilds gewobene Arbeiten agieren nicht nur auf der bildinhaltlichen Ebene mit Vermischung und Hybridisierung, sondern auch auf der bildformalen: Die zweidimensionale Flachheit des Bilds ist durch die Webarbeit ins Dreidimensionale gewendet, die aufwendige Handarbeit des Schneidens und Webens der Papierbahnen steht dem massenmedialen Kopierverfahren der Bildvorlagen gegenüber, eine Spannung, die die Künstlerin mit der Verwendung extrem künstlicher Neonfarben nochmals verstärkt.

Die sechziger Jahre Subkultur, die Fetischisierung des autonomen Objektes findet sich auch in den häufig auftretenden Fransen in den Arbeiten der Künstlerin: geflochtene Lederobjekte, die wie archaische Ritualobjekte als abstrakte Beatles an der Wand oder als Gruppe im Raum hängen, Papierbilder mit langen Teppichfransen erinnern an die Lederjacken- und Teppichkultur einer romantisch verklärten Hippiewelt – und lösen formal das kreierte Bild der Künstlerin wieder auf.
Insignien der Moderne sind bei Eva Rothschild unterwandert von Irrationalität, Emotionalität und inhaltlicher Irritation und senden vielleicht gerade deshalb die möglichen Projektionen des Betrachters auf diesen zurück: Die schwarzen Plexiglasarbeiten, in denen die Künstlerin aufrecht stehende Dreiecksformen in diversen Kombinationssystemen ineinander schachtelt und eine Art Bastelecken-Serra Skulptur produziert, ist zugleich die Verniedlichung wie Reaktivierung abstrakter Formen und Wirkungswelten.
Eva Rothschild interessiert sich für die Beweggründe, die aus Dingen und Gegenständen mehr machen als ihre reine Materialität vorgibt. Sie interessiert sich für das geistige Verlangen, das als Projektionen auf Objekte gerichtet wird. Ihre mit potentieller Bedeutung "dekorierten" Objekte forcieren Irritationen, die die scheinbare Potenz der Objekte als idealisierte, mystifizierte, utopistische Affirmation entlarven und eine Sehnsucht nach der Impotenz des Objektes wecken – und es dadurch erst eigentlich wieder als formales Objekt freisetzen.

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