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Valentin Carron

20.01.–18.03.2007

Valentin Carron (geb. 1977 in Martigny, lebt und arbeitet in Fully) ist in den letzten Jahren als aussergewöhnlicher Vertreter einer jüngsten Generation von Schweizer Künstlern hervorgetreten. Sein Werk verbindet Traditionen des zeitgenössischen Kunstschaffens und versteht es, sie auf eine aktuelle Bedeutung hin zu hinterfragen. So bezieht er Vorgehensweisen der Appropriation ebenso in sein Werk ein wie Traditionen der Pop Art, der soziologischen Spurensuche wie der Post-Studioproduktion. Wichtige Ausstellungen des Künstlers umfassen Projekte im Jahre 2005 im Centre d'Art Contemporain Genève in einer Doppelausstellung mit Mai-Thu Perret, in der Chisenhale Gallery in London (ebenfalls mit Mai-Thu Perret) sowie eine Einzelausstellung im Swiss Institute in New York und eine viel beachtete Installation im Rahmen der Art Unlimited der Art Basel im Jahr 2006.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich bringt eine Gruppe neuester Arbeiten des Künstlers mit einer Auswahl bereits existierender Installationen und Plastiken zusammen. Eine grosse Gruppe seiner Arbeiten greift Themen der öffentlichen, dekorativen und durch ihr Display ästhetisierten Skulptur auf. Die „öffentliche“ Plastik der Kreuzform, sowohl Symbol der christlich-abendländischen Kultur als auch abstraktes Relief zweier sich schneidender Linien, erscheint in mehreren Umsetzungen, und diverse Bilder und Wandmalereien des öffentlichen Raums von Martigny wurden von Carron in Gemäldeobjekte mit oszillierendem Bedeutungsinhalt verwandelt. In der monumentalen Installation Rance Club II spielt ein Glockenspiel in regelmässigen Abständen eine wie von weither klingende Melodie. Carron hat die Hymne der französischen Résistance im 2. Weltkrieg von Kirchenglocken nachspielen lassen und platziert diesen Sound hinter den Mauern einer nicht (mehr) zugänglichen architektonischen Raumkonstruktion, die uns mit ihrem groben Verputz das Grauen der Oberflächenästhetik einer vergangenen Zeit und Auffassung entgegenhält.

Eine wichtige Rolle im Werk des Künstlers spielt die für Martigny touristisch bedeutende Fondation Gianadda, ein Museum, das um die Überreste eines keltischen Tempels gebaut wurde und die archäologischen Funde Martignys versammelt, aber auch mit Wechselausstellungen zur klassischen Moderne ganze Busschaften in die Kleinstadt transportiert. Ein Archiv von Originalen und Repliken und den Ablagerungen historischer Artefakte, deren Authentizität sowohl den Begriff des Originals wie des Duplikats umfassen. Die touristische Vermarktung von Kunst und die oft zweifelhafte Aneignung dieser Attraktivität in der ebenso zweifelhaften Annäherung an Kunst und Kunstwerke in der lokalen Produktion von Objekten und Ästhetiken kulminiert in den Objekten Carrons zu einer Produktion von „Kunst“ als mehrfach überlagertes Feld von ebenso zweifelhaften Reputationen. So zeigt Carron in seiner Ausstellung in der Kunsthalle Zürich eine grosse Gruppe von Plastiken, die sich direkt oder indirekt auf Arbeiten aus dem „Dunstkreis“ dieser Institution beziehen: Die Arbeit Captain Legacy (2006) wiederholt das Fragment eines Faltenwurfes einer gallo-römischen Marmorstatue der Fondation. Ohne Titel [Henry Moore] (2006) die Skulptur eines lokalen Künstlers aus den 1980er Jahren, der von Henry Moore beeinflusst ist; Trikorn (2006) setzt Wiederholungen fort, die Plastik basiert auf einem steinernen Kopf eines lokalen Künstlers, der diesen wiederum nach einer Bronze-Skulptur der Fondation Gianadda gearbeitet hat.

Valentin Carron arbeitet in den Bereichen Skulptur, Plastik, Malerei und Installation. Häufig setzt der Künstler auch Sound in seinen Arbeiten ein. Er wiederholt symbolisch aufgeladene Objekte oder Elemente von Wirklichkeit aus seiner eigenen Lebensumgebung wie auch aus weiter gefassten kulturellen Zusammenhängen. Er löst die Objekte aus ihrer Umgebung und realisiert sie als originalgetreue Wiederholungen in synthetischen Materialien neu, als Kopien, Ersatzobjekte, Relikte, die ihre kulturelle Bedeutung oder mehrfach erfahrene Umdeutung so auf eine andere Art und Weise wieder zur Diskussion stellen. Dies, wenn er etwa die Kreuzform in grobem Kunstharz wiederholt, Embleme oder Bilder, die er im öffentlichen Raum gefunden hat und die mehr einer subjektiven Wunschwelt denn einer Logokultur entstammen, auf Werbeplanen druckt, oder Kanonen aus dem Fundus der Geschichte in billigen Materialien nachbaut.

Carron wählt Formen, die meist ihre ursprüngliche Bedeutung eingebüsst haben – Formen, wie man sie im grossen Historiensaal unserer alltäglichen und besonderen Obsessionen findet. Die Kunst als symbolische Formenwelt bezieht er dabei gleichwertig in dieses Spiel mit Wiederholungen und „Entblössungen“ ein, indem er beispielsweise Teile aus dem Oeuvre des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti nimmt, die inzwischen zu Standardformen einer sogenannten modernen Kunst geworden sind, und deren symbolische Aussagekraft und künstlerische Relevanz durch die unzähligen Repliken eines kulturellen Absinkprozesses ihre Kraft verloren haben. Oder aber er wählt Produkte der Konsumkultur wie Plastikflaschen oder andere gefundene Objekte, deren Wert in individuellen oder subkulturellen Zusammenhängen bestimmt ist, die aber alle eine Schichtung und Ablagerung von diversen kulturellen und individuellen Wertzuschreibungen ermöglicht haben. All diese Schichten „entfernt“ Carron nicht, sondern es gelingt ihm, diese undeutlich gewordenen Werte an den künstlichen Materialien seiner Umsetzung aufscheinen zu lassen, ohne sie wiederum kulturell zu bewerten – das heisst, er macht nicht Kitsch oder Kunst aus ihnen, sondern stellt ihre reinen Formen, immer wieder auch mit bissiger Ironie oder Kritik zur Diskussion.

Valentin Carron steht in der Tradition von Künstlerinnen und Künstlern, die durch Appropriation und Wiederholung eine kulturelle Analyse in ihren Werken anbieten. Werke von Fischli/Weiss oder Mike Kelley sind hier als Vorbilder zu nennen. Und gerade weil Carron sich sehr oft auf das in hohem Masse aufgeladene kulturelle Erbe seines Heimatkantons Wallis, ein Exempel perfekter touristischer Erfindung von „authentischer“ Identität im 19. Jahrhundert, bezieht, gelingt es ihm, den Bogen vom Persönlichen zum Kollektiven zu schlagen.

Carron betreibt eigentliche soziopolitische Recherchen. In allen seinen Arbeiten spielt das Verhältnis „öffentlich – privat“ eine zentrale Rolle, indem er die Formen des Öffentlichen, des öffentlichen Brauchs, Gebrauchs oder der divergenten Umnutzung von Dingen, auf seine individualpolitischen Implikationen hin erforscht. So nannte er eine seiner Einzelausstellungen Rellik; der Titel spannt ein Assoziationsfeld, das von religiösen Konnotationen bis hin zur Bezeichnung des Relikts, Carrons Arbeitsfeld, reicht. Gleichzeitig liest sich der Titel rückwärts als „killer“ und ist auch das Pseudonym des ersten Graffiti-Tackers in Carrons Geburtsort Martigny. Carrons Werke haben immer eine ortsbezogene Bedeutung. Zugleich sind sie bewusst ambivalente Kommentare zu dem, wie Objekte gebraucht und missbraucht wurden in ihrer Verwendung für individuelle oder kollektive Intentionen, Konstruktionen oder politische Kontexte.

Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung,
Erna und Curt Burgauer Stiftung, Ernst und Olga Gubler-Hablützel Stiftung