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Reading Rämistrasse #98: Rebecka Domig zu Jürg Halter bei Galerie Stephan Witschi - Akademie - Kunsthalle Zürich
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Reading Rämistrasse #98: Rebecka Domig zu Jürg Halter bei Galerie Stephan Witschi

Barbara Schöneberger ist eine deutsche Fernsehmoderatorin, die ein Frauenmagazin mit dem Namen «Barbara» herausgibt und einen eigenen Radiosender betreibt. 2007 präsentierte sie sich als Musikerin mit einem Swing-Album mit dem geradezu grandiosen Titel «Jetzt singt sie auch noch!» Als ich die Ankündigung zur Ausstellung von Jürg Halter bei Edition Stephan Witschi sah, fiel mir nach Jahren wieder dieser Titel ein. Jürg Halter ist – wie es uns der Text auf der Einladungskarte nahelegt – Schriftsteller, Spoken Word Artist und Gesellschaftskritiker. Jetzt malt er auch noch.

Die Ausstellung findet in zwei Räumen statt. Gezeigt werden ausschliesslich Arbeiten, die 2022 entstanden sind. Im ersten Raum hängt eine grössere Anzahl von simplen Wortbildern. Die Bilder sind technisch einfach konstruiert: Direkt aus der Tube gedrückte Farben sind auf generische Leinwände aufgetragen.

«Fuck Slogans», der Titel der Ausstellung, gibt vor, Programm zu sein – löst das dann aber nicht ein. T-Shirt Lyrik ist das vielleicht, oder aber das Äquivalent dieser flapsigen Sprüche auf Holzschildern, die es seit einigen Jahren in rauen Mengen in den Souvenirläden dieser Welt zu kaufen gibt. Im zweiten Raum werden fotografische Schnappschüsse mit Phrasen oder Sätze kombiniert und in Passepartouts gerahmt, die Jürg Halter «Fotografie-Text-Synthesen» nennt.

Fuck Slogans, Jürg Halter, 2022

Es ist interessant und gefährlich, wenn ein Ausstellungsraum proklamiert, dass die ausstellende Künstlerin / der ausstellende Künstler eigentlich für ganz andere Sachen bekannt ist. Es liest sich wie eine Adelung und Entschuldigung zugleich. Ich stehe also in der Ausstellung und frage mich, welche Messlatte ich an diese Werke ansetzen soll. Soll ich nun besonders nachsichtig sein, weil es sich beim Urheber nicht um einen bildenden Künstler handelt, oder kritisch, weil die Werke schliesslich im Kontext einer ernstzunehmenden Programmgalerie in der Stadt Zürich ausgestellt werden? Es ist – auch hier – nicht leicht, Werk und Autor zu trennen; der Name «Jürg Halter» Fluch und Segen zugleich.

Und sowieso: Kunstkritik ist das Beschreiben von Bildern mit Worten. Ich positioniere mich also schriftlich zum bildnerischen Projekt eines Künstlers, der selbst für seine Worte bekannt ist und dessen Bilder wiederum mit Text gefüllt sind. Das Um-die-Ecke-Denken macht schwindelig. Ich gewinne die Orientierung im zweiten Raum zurück. Dort, an der Wand zuhinterst, hängt eine Arbeit, die mir tatsächlich gefällt. Es handelt sich um das Bild eines perforierten Blatts, fotografiert vor einer gekachelten Wand, grün vor blau. Darunter, im gleichen Passepartout, der Satz: «I just want to be left in peace.» Das Wort-Bild-Paar funktioniert, berührt mich, fängt an zu schwingen und schafft einen Möglichkeitsraum. Es ist eine schöne Arbeit – ganz egal, wer der Autor ist.

Die Einzelarbeit erinnert in ihrer eleganten Zartheit an das Publikationsprojekt «Alleine tanzend - irgendwo», das Jürg Halter und die Fotografin Ester Vonplon 2017 ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Edition Stephan Witschi herausgegeben haben. Auf diese Zusammenarbeit, sowie auf weitere Kollaborationen mit renommierten Schweizer Künstler:innen verweist wiederum der Text der Einladungskarte, der die Nähe von Jürg Halter zur Kunstszene herausstreicht. Nur, reicht das?

Jürg Halter hat einen Sinn für Worte. Er kann mit einem Satz eine ganze Geschichte erzählen. Er ist Lyriker. Das ist viel. Es reicht allerdings nicht, um das Format einer Kunstausstellung auszufüllen. In einem Gespräch mit dem New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz hat sich der Schauspieler James Franco einmal beschwert, dass sich die Kunstwelt wie eine enge Clique verhalten würde, zu der man keinen Zugang erhält. Saltz erklärte daraufhin, dass er seine Rolle als Goalie verstehe: «Mein Job ist es, sicherzustellen, dass nur die besten Schüsse ins Tor gehen.» In diesem Sinne: Abseits.

Jürg Halter, FUCK SLOGANS, Galerie Stephan Witschi, 10. September–22. Oktober 2022

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