 CHRISTOPHER WILLIAMS
25. AUGUST – 28. OKTOBER 2007
Die kommende Ausstellung der
Kunsthalle Zürich ist dem US amerikanischen Konzeptkünstler Christopher
Williams gewidmet. Im Sinne eines erweiterten Ausstellungsraums präsentiert
Williams sich nicht nur in der Kunsthalle, wo 28 Fotografien des Künstlers
aus der Serie For Example: Dix-Huit Leçons Sur La Société Industrielle
(Revision) (2003 bis heute) gezeigt werden. Das mit dem Künstler und
Kritiker John Kelsey konzipierte Radioprogramm Radio Danièle, in
einer ersten Version Anfang 2007 in Bologna realisiert, wird für Zürich
erweitert und in Zusammenarbeit mit Radio LoRa während der gesamten
Dauer der Ausstellung von Sonntag- bis Mittwochnacht gesendet. Mit Albert
Oehlen und John Kelsey erarbeitet Christopher Williams überdies
ein Filmprogramm, das in einem der Arthouse Kinos zu sehen sein wird.
Christopher Williams (*1956), der in Los Angeles lebt und arbeitet, studierte
in den 1970er Jahren am California Institute of Arts bei der ersten Generation
der Konzeptkünstler an der Westküste – unter anderem bei
John Baldessari und Douglas Huebler. Im Gegensatz zur ersten Generation
konzeptueller Fotografen jedoch, setzt Williams in seinen Werken Perfektion
und Ästhetik als Wirkungsträger ein.
Williams Fotografien, Videos, Installationen, Skulpturen und Performances
erforschen die Bedingungen von Präsentation und Repräsentation
und stellen vermittelte Wahrnehmung und wirklichkeitsgetreue Wiedergabe
von Realität in Frage: Wie beeinflussen unsere Kommunikationsmechanismen
und ästhetischen Konventionen die Wahrnehmung und das Verständnis
von Realität?
Der Titel des 2003 begonnenen Projekts – For Example: Dix-Huit Leçons
Sur La Société Industrielle (Revision) – bezieht sich
auf die 1962 erschienenen Vorlesungen "Dix-Huit Leçons Sur
La Société Industrielle" des französischen Soziologen
Raymond Aron. In diesen untersucht Aron die Wachstumsfaktoren des fordistischen
Kapitalismus und der sowjetischen Planwirtschaft.
Williams fotografische Vorgehensweise steht in Bezug zur industriellen
Gesellschaft und ihrer Schnelllebigkeit und formuliert zugleich eine
Kritik. So lässt der Künstler, der sich selber als Regisseur seiner Bilder
versteht und die Aufnahmen von professionellen Studios und Fotografen produzieren
lässt, die Fotografien in Verfahren abziehen, die heute kaum noch
verwendet werden: die schwarz-weiss Abzüge realisiert er als Silbergelatine-
oder Platin-Prints, die farbigen im Dye-Transfer-Verfahren. Diese Entscheidung
hat für ihn nichts Nostalgisches, sondern er versteht sie als "den
Versuch, diese Prozesse im Begriff ihres Verschwindens zu begreifen".
Im Bildrepertoire spiegelt sich das Thema durch Anleihen an die Werbe-,
Mode- und Architekturfotografie. Formale Gemeinsamkeit der Arbeiten ist
die Isolation der Objekte vor meist neutralem Hintergrund.
Eine Nähe zur neuen Sachlichkeit und Williams Vorbild Albert Renger-Patzsch
(1897-1966) ist augenfällig. Ähnlich wie dieser versucht Williams
mittels Fotografie Strukturen und Phänomene der sichtbaren Welt in
ihrer "Essenz" zu erfassen. Bei genauem Hinsehen werden jedoch
bewusst eingefügte Störmomente offensichtlich. Durch die Bilder
soll eine subtile Verschiebung unserer Wahrnehmung evoziert werden – dazu
tragen nicht zuletzt die Bildtitel bei, die als Teil der Arbeiten verstanden
werden müssen.
Auf den ersten Blick scheint die Serie der Duschbilder Model # 105M – R59C
Kestone Shower Door... (2005) an Werbefotografie der 1960er Jahre zu erinnern.
Auf den zweiten wird augenscheinlich, dass das Modell um einiges älter
ist als man das gemeinhin aus der Werbebranche kennt. Meist posiert sie
lächelnd vor der Kamera, auf anderen Arbeiten schaut sie gedankenverloren
aus dem Bild. Dem Gesicht wird im Bildaufbau nur eine Hälfte des
Bildes zugestanden, die andere nimmt die Duschkabine bzw. der in das
Bild gehaltene
Farbstreifen ein. Sichtbare kleine Hautunreinheiten sind der Tatsache
geschuldet, dass Williams die Fotografien nicht nachbearbeitet.
Die Arbeit Kiev 88 (2003) zeigt den russischen Nachbau einer Hasselbladt,
dem erfolgreichsten Modell einer Mittelformatkamera. Williams bemerkt,
dass dieser Nachbau für ihn sei wie "using NASA technology in
order to represent a harpoon". Folglich steht die Professionalität
der "Werbe"-Aufnahme im Gegensatz zur Einfachheit des Modells.
Auch in den Arbeiten Velosolex 2200 Nr. 2 (2005) und Tropical House (Prototyp)
(2005), spielen, neben dem künstlerischen Konzept der objektiven Darstellung,
weitere Referenzen zu politischen und geopolitischen Fragen eine Rolle:
Das Triptychon Velosolex 2200 Nr. 2 zeigt ein Fahrrad in drei Ansichten.
In den französischen Kolonien Afrikas und Asiens war es ein beliebtes
Modell. Die Legende des Fotos besagt, dass das Rad aus Vietnam nach Frankreich
exportiert und schliesslich in einem Studio in Los Angeles fotografiert
wurde. Auch Tropical House (Prototyp) erzählt von einer interkontinentalen
Reise: 1949 entwarf der französische Architekt Jean Prouvé das "Tropical
House" als Prototyp eines leicht zu errichtenden Fertighauses für
billiges Wohnen in den französischen Kolonien. Bis 1999 standen sie
in Brazzaville im Kongo, dann wurden sie vor dem Bürgerkrieg "gerettet" und
zur Restaurierung zurück nach Frankreich gebracht. 2005 reiste eines
der Häuser nach Los Angeles zu einer Ausstellung ins UCLA Hammer Museum,
wo die Aufnahme während einer Ausstellung entstand.
Steht formal das künstlerische Konzept der Objektivität im Mittelpunkt,
so unterwandert Williams dieses mit der Formulierung seiner Bildtitel:
In einer zunächst kryptisch anmutenden Liste werden alle möglichen
Informationen, die an das Bild geknüpft werden können, im Titel
zusammengetragen: Angaben zum fotografierten Objekt, Name des Fotostudios,
Datum, Material und Prozess. Doch eine Angabe fehlt – der Name des
ausführenden Fotografen. So stellt Williams die Frage nach dem Wert
von Information und der Autorenschaft zur Disposition; gleichzeitig zeigt
er sich als subtiler Erzähler mit einem Faible für versteckte
Anekdoten.
Am 26. Januar 1976 ging eine der ersten freien Radiostationen Italiens
in Bologna auf Sendung: „Radio Alice“. 2007 organisierte Christopher
Williams, zusammen mit John Kelsey, parallel zu einer Ausstellung in der
Galleria d’Arte Moderna in Bologna Radio Danièle – in
Erinnerung an Radio Alice und als Hommage an die französische Regisseurin
Danièle Huillet (1936-2006). Die beiden Organisatoren luden mehr
als 60 Künstler, darunter Bernadette Corporation, Dan Graham, Paul
McCarthey, Seth Price und Lawrence Weiner ein, einen Beitrag fürs
Radio zu gestalten. Diese reichten von Lesungen, Musikeinspielungen und
Konzerten bis hin zu experimentellen Tonaufnahmen. Auf "Radio LoRa
97,5 – alternatives Lokalradio Zürich" wird dieses Programm über
die Dauer der Ausstellung in der erweiterten Zürcher Version fortgeführt. >>> RADIO
DANIÈLE AUF RADIO LoRa 97,5
Im Rahmen des Kölner Film Festivals 1992 wurden Albert Oehlen und
Christopher Williams eingeladen, ein Filmprogramm zu gestalten, in dem
jeder gezeigte Film – einem Dialog gleich – eine Antwort auf
den vorangegangenen gibt: Albert Oehlen startete das Screening am 27. September
mit Change von Peter Wirth aus dem Jahr 1971; den Abschluss bildete Stille
Nacht O Tannenbaum von Hermann Jauk aus dem Jahr 1967. Der Dialog wird
nun in Zürich in einem der Arthouse Kinos erweitert und fortgesetzt.
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