Claire Fontaine wurde 2004 in
Paris gegründet, wobei der Name des Künstlerkollektivs von
einer bekannten Schulheftmarke Frankreichs „übernommen“ wurde.
Gleichzeitig schwingen lautmalerisch und inhaltlich berühmte Künstlervorgänger
und ihre Werke in der Namensaneignung mit: Duchamp und sein mit
R. Mutt signiertes Urinoir (englisch „Fountain“) und Bruce
Naumans The true artist is an amazing luminous fountain oder Selfportrait
as a Fountain.
Claire Fontaine versteht sich als „Ready Made Künstlerin" und
ihr Werk als neo-konzeptuelles Oeuvre, das häufig die Gestalt von
Arbeiten anderer Künstlerinnen und Künstler annimmt. Dabei ist
es Claire Fontaine wichtig, dass diese Aneignungen nicht als Appropriation,
sondern als Diebstahl verstanden werden – und damit sowohl der mythische „Held" der
sozialen Umverteilung von Besitz (siehe Robin Hood) wie auch eine politische
Haltung des Kollektiven transportiert wird.
Ihrem Künstlerfreund und Kollaborateur John Kelsey, der sie nach dem
Fiktionalen und der „Ready Made Künstlerin" befragt, und
was für sie der Begriff der Subjektivität bedeutet, wenn sie
sich als zeitgenössische Künstlerin in der Tradition von Duchamps
Urinoir oder Wahrhols Brillo Box versteht, antwortet sie: „Claire
Fontaine beschreibt sich nicht wirklich als Fiktion; sie ist keine weibliche
Figur mit einem Gesicht, spezifischem Charakter oder Stimmungen. Sie ist
eine Fiktion in dem Sinne, wie jeder Name eine Fiktion darstellt. Du (John
Kelsey) selbst benutzt die Strategie des Pseudonyms mit den beiden Projekten
Bernadette Corporation und Reena Spaulings. Diese beiden Namen benennen
zwei Sphären kollektiver Aktivität, die nicht selbstverständlich
mit den Formaten übereinstimmen, die man dem „Künstler",
dem „Künstlerkollektiv" oder einer „Galerie" zumisst."
Claire Fontaine schafft Neonarbeiten, Plastiken, Videos, Gemälde und
schreibt Texte. Sie beschreibt ihre Arbeit als Befragung politischer Machtlosigkeit
und der Krise der Einzigartigkeit, die die zeitgenössische Kunst
ihrer Ansicht nach prägt. Wenn, wie Claire Fontaine es analysiert,
der Künstler / die Künstlerin, wie das Duchamp’sche Ready
Made, von seinem eigentlichen Funktionsumfeld entfremdet und ihrer Möglichkeiten
der gesellschaftlichen Werterzeugung enthoben ist, dann sieht sie die Möglichkeit
des „human strikes" – des Entzugs, des Schweigens und
des Verzichts auf Produktion.
Claire Fontaine macht Arbeiten wie das Passe-partout, ein mit Einbruchswerkzeugen
wie dem Dietrich vollgepackter Schlüsselbund, den man etwa für
das Pariser 10te Arrondissement einsetzen kann (Passe-partout, (Paris 10e),
2006). Sie bietet an, die Schlüssel für die Galerie zu kopieren,
in der sie gerade ausstellt; sie arbeitet in einem aufwändigen Verfahren
ein Messer in eine amerikanische 25 Cent-Münze ein, so dass man sie
selbst durch die strengsten Flughafenkontrollen schmuggeln kann (In God
They Trust, 2005). Sie realisiert mit Rauch an die Decke des Ausstellungsraums
geschriebene Botschaften, die Werken Naumans ähneln, oder füllt
Abfallsäcke mit Bonbons und erinnert damit an Felix Gonzales-Torres
Werkhaltung der Grosszügigkeit und des Vergänglichen. Immer wieder
thematisiert sie auch die Fremdheit des Individuums im Eigenen, in dem
sie mit Sprache und der Dislozierung von Sprache in gesellschaftlichen
Zusammenhängen operiert: Die Neonschrift Foreigners Everywhere (2005)
platziert sie in Arabisch in New York; von ihr entwickelte Landkarten in
der Serie Visions of the world geben ihre touristischen, politischen und
philosophischen Mitteilungen ebenfalls nur in Arabisch preis.
Claire Fontaine weiss, dass ihr Aufruf zu zivilem Ungehorsam, zur politischen
Agitation, zum Diebischen an Werten, Symbolen und Identitäten ausschliesslich
symbolisch wirksam werden kann – und gerade durch die andauernde
Frage an die Illusionslosigkeit dieser Realität wird ihre Arbeit politisch.
Weitere Informationen zu Claire Fontaine: Interview (engl.) / www.clairefontaine.ws / whitehot
magazine
|