CLAIRE FONTAINE
«HOW TO?»
2. JUNI – 12. AUGUST 2007

Claire Fontaine wurde 2004 in Paris gegründet, wobei der Name des Künstlerkollektivs von einer bekannten Schulheftmarke Frankreichs „übernommen“ wurde. Gleichzeitig schwingen lautmalerisch und inhaltlich berühmte Künstlervorgänger und ihre Werke in der Namensaneignung mit: Duchamp und sein mit R. Mutt signiertes Urinoir (englisch „Fountain“) und Bruce Naumans The true artist is an amazing luminous fountain oder Selfportrait as a Fountain.

Claire Fontaine versteht sich als „Ready Made Künstlerin" und ihr Werk als neo-konzeptuelles Oeuvre, das häufig die Gestalt von Arbeiten anderer Künstlerinnen und Künstler annimmt. Dabei ist es Claire Fontaine wichtig, dass diese Aneignungen nicht als Appropriation, sondern als Diebstahl verstanden werden – und damit sowohl der mythische „Held" der sozialen Umverteilung von Besitz (siehe Robin Hood) wie auch eine politische Haltung des Kollektiven transportiert wird.

Ihrem Künstlerfreund und Kollaborateur John Kelsey, der sie nach dem Fiktionalen und der „Ready Made Künstlerin" befragt, und was für sie der Begriff der Subjektivität bedeutet, wenn sie sich als zeitgenössische Künstlerin in der Tradition von Duchamps Urinoir oder Wahrhols Brillo Box versteht, antwortet sie: „Claire Fontaine beschreibt sich nicht wirklich als Fiktion; sie ist keine weibliche Figur mit einem Gesicht, spezifischem Charakter oder Stimmungen. Sie ist eine Fiktion in dem Sinne, wie jeder Name eine Fiktion darstellt. Du (John Kelsey) selbst benutzt die Strategie des Pseudonyms mit den beiden Projekten Bernadette Corporation und Reena Spaulings. Diese beiden Namen benennen zwei Sphären kollektiver Aktivität, die nicht selbstverständlich mit den Formaten übereinstimmen, die man dem „Künstler", dem „Künstlerkollektiv" oder einer „Galerie" zumisst."

Claire Fontaine schafft Neonarbeiten, Plastiken, Videos, Gemälde und schreibt Texte. Sie beschreibt ihre Arbeit als Befragung politischer Machtlosigkeit und der Krise der Einzigartigkeit, die die zeitgenössische Kunst ihrer Ansicht nach prägt. Wenn, wie Claire Fontaine es analysiert, der Künstler / die Künstlerin, wie das Duchamp’sche Ready Made, von seinem eigentlichen Funktionsumfeld entfremdet und ihrer Möglichkeiten der gesellschaftlichen Werterzeugung enthoben ist, dann sieht sie die Möglichkeit des „human strikes" – des Entzugs, des Schweigens und des Verzichts auf Produktion.

Claire Fontaine macht Arbeiten wie das Passe-partout, ein mit Einbruchswerkzeugen wie dem Dietrich vollgepackter Schlüsselbund, den man etwa für das Pariser 10te Arrondissement einsetzen kann (Passe-partout, (Paris 10e), 2006). Sie bietet an, die Schlüssel für die Galerie zu kopieren, in der sie gerade ausstellt; sie arbeitet in einem aufwändigen Verfahren ein Messer in eine amerikanische 25 Cent-Münze ein, so dass man sie selbst durch die strengsten Flughafenkontrollen schmuggeln kann (In God They Trust, 2005). Sie realisiert mit Rauch an die Decke des Ausstellungsraums geschriebene Botschaften, die Werken Naumans ähneln, oder füllt Abfallsäcke mit Bonbons und erinnert damit an Felix Gonzales-Torres Werkhaltung der Grosszügigkeit und des Vergänglichen. Immer wieder thematisiert sie auch die Fremdheit des Individuums im Eigenen, in dem sie mit Sprache und der Dislozierung von Sprache in gesellschaftlichen Zusammenhängen operiert: Die Neonschrift Foreigners Everywhere (2005) platziert sie in Arabisch in New York; von ihr entwickelte Landkarten in der Serie Visions of the world geben ihre touristischen, politischen und philosophischen Mitteilungen ebenfalls nur in Arabisch preis.

Claire Fontaine weiss, dass ihr Aufruf zu zivilem Ungehorsam, zur politischen Agitation, zum Diebischen an Werten, Symbolen und Identitäten ausschliesslich symbolisch wirksam werden kann – und gerade durch die andauernde Frage an die Illusionslosigkeit dieser Realität wird ihre Arbeit politisch.

Weitere Informationen zu Claire Fontaine: Interview (engl.)    /   www.clairefontaine.ws   /   whitehot magazine




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